Spiritualität oder Irrsinn?

 

Ein Thema, dass mich schon eine ganze Weile lang umtreibt - darum möchte ich meine Gedanken dazu an dieser Stelle teilen und schon im Vorfeld des Beitrags musste ich feststellen, dass das keine ganz einfache Aufgabe wird. 

Was bedeutet Spiritualität? Wikipedia berichtet dazu: "Spiritualität [...] ist die Suche, die Hinwendung, die unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt."

Interessen sind sehr unterschiedlich und der Glaube an etwas, was auch immer es sein mag, ist heutzutage sehr weit gefächert - ganz anders als zu meiner Kinderzeit. Da gab es das Christentum, es gab den Islam, irgendwo weit weg gab es so exotische Dinge wie Buddhismus und alles, was darüber hinausging, galt im besten Fall als Spinnerei. 
Heute ist man freier in dem, was man glauben "darf" (hier von "dürfen" zu sprechen fühlt sich schon irgendwie falsch an, da es selbstverständlich ist oder sein sollte). 
Der "Markt" ist weit gefächert - heidnische Zusammenkünfte, Witchtok, nordische Mythologie aber auch Buddhismus, Voodoo und viele andere Einflüsse, Religionen und Lebenseinstellungen haben ihren Weg in unsere Normalität gefunden. 
Die Welt ist, so schnell-lebig sie sein mag, in diesen Punkten zusammengerückt und offener geworden. Wo es vor 30 Jahren noch wirklich schwierig war, an sinnvolle Informationen zu kommen, kann man sich heute einfach schlau lesen und das finden, was zu einem passt und was sich gut anfühlt. Die Menschen haben sich in viele verschiedene Richtungen entwickelt und ein Verurteilen auf Grund der eigenen Glaubens-Sätze oder Weltanschauungen wird, zumindest in der Theorie, nicht gerne gesehen. 

Eine Influencerin, der ich mit großer Begeisterung folge, war kürzlich in einem Yoga-Retreat. (Auch hier möchte ich einmal aus Wikipedia zitieren "Retreat, englisch für Rückzug, bezeichnet eine geplante spirituelle Ruhepause oder Rückzug von der gewohnten Umgebung.")
Natürlich ist mir bewusst, dass zwischen dem Internet und der Realität eine gewisse .. sagen wir .. Zone der Verklärung liegen kann, aber ich empfand die Bilder und Videos von dort als ausgesprochen inspirierend und schön. Neben Yoga, Meditation, intensiver Arbeit mit dem Thema "Weiblichkeit", gesunder (cleander und veganer) Ernährung und viel intuitivem Handeln, gefiel mir vor allem die Rückzugsmöglichkeit und die sehr harmonische und friedvolle Atmosphäre. 

Haben wir nicht eigentlich unglaublich viel Glück, in einer Zeit zu leben, in der wir selber wählen können, wohin unser Herz strebt? Eine Zeit, in der intuitive Entscheidungen möglich sind und man nicht für seine religiösen und spirituellen Gedanken verurteilt oder verfolgt wird? (Zumindest nicht hier - mir ist bewusst, dass das nicht überall so ist.)

Aber ist es denn wirklich so?
Dahinter setze ich nämlich ein großes Fragezeichen. Es wird sehr viel thematisiert, wie wichtig es ist, Menschen nicht zu verurteilen, egal ob es um Herkunft, sexuelle Identität, Religion, Lebenseinstellung oder Lebensweise geht. Aber wie viel davon ist wirklich bereits in der Realität verankert? Und ich meine damit nicht die Realität der eigenen sozialen Blase, in der man ja dankenswerter Weise ein bisschen sortieren kann, wer dazu zählt und wer nicht?

Wie ist es außerhalb der selbst eingerichteten Komfortzone? 
Im Kleinen hat sich die Frage bei mir schon vor meiner Arbeit in der Psychiatrie gestellt. Menschen berichteten mir von ihren spirituellen Ideen, von der Ruhe in der Meditation und von dem Gedanken, Ziele besser erreichen zu können, wenn man sich das gewünschte Ziel manifestiert. Im gleichen Atemzug hört man dann so etwas wie "Also ich meine damit nicht so esoterisches Zeug". 
Und hier fängt es dann auch schon an. Was ist denn eigentlich "Esoterik"?
Ich habe mir wieder Hilfe bei Wikipedia gesucht:
"Esoterik [...]) ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist, im Gegensatz zu Exoterik als allgemein zugänglichem Wissen."
Da steht dann aber auch so etwas:
"Im populären Sprachgebrauch versteht man unter Esoterik vielfach „Geheimlehren“. Ebenfalls sehr gebräuchlich ist der Bezug auf „höhere“ Erkenntnis und auf Wege, welche zu dieser führen sollen. Des Weiteren wird das Adjektiv „esoterisch“ häufig abwertend im Sinne von „unverständlich“ oder „versponnen“ verwendet."

Bezieht man also den Begriff "Esoterik" auf den Wunsch, einen höheren Grad der Erkenntnis (bezogen auf was auch immer) zu erreichen, ist es (in meinen Augen) ja erst einmal nicht so sehr negativ behaftet (und auch Bestandteil vieler Religionen). 
Gleichzeitig drängen sich irgendwie Bilder der vergangenen Monate auf, wenn das Wort "Esoterik" fällt. Im Rahmen der Pandemie-Situation und den darauf folgenden Ausschreitungen in manchen Städten, gab es immer wieder Berichterstattungen von bzw. über "Esoteriker", die mit doch sehr an den Haaren herbeigezogenen, wirren Ideen um sich warfen und versuchten, dem "Schlafschaf" die Welt zu erklären.
Belassen wir es also dabei, dieses Wort als schwer definierbar und durchaus vorbelastet zu betrachten - zumindest für meine Gedankengänge hier. 

Aber was meinen denn die Menschen, die das oben Genannte erwähnten? Spirituell ist ok, esoterisch nicht? Was genau war der Hintergrund? Spirituell auf einer wissenschaftlichen Ebene im Sinne von selfcare und Selbstfindungsreisen im Kielwasser großer Influencer, die damit werben, ist irgendwie en vouge. 
Sich einer Religion zugehörig zu fühlen ist - falsch? Richtig? Kommt auf die Religion an? 
Ich habe einen Haufen Menschen in meiner sozialen Blase, die regelmäßig die alten Feste ursprünglicher Naturreligionen feiern. Ich habe auch einen Haufen Menschen in meiner sozialen Blase, die Weihnachten und Ostern feiern, ohne sich bewusst zu sein, dass an dieser Stelle heidnische Bräuche im Rahmen der Christianisierung einfach angepasst wurden. Beides ist ok - darf man nicht einfach selbst entscheiden, was sich richtig anfühlt? Oder muss man Angst vor der Meinung anderer haben? Und wenn ja - warum?
Warum ist es in manchen Bereichen unseres Lebens zwar in Ordnung, an Manifstationen zu glauben, aber nicht, einen Glauben zu haben?
Warum ist der Chef eines Unternehmens, der morgens seinen Anzug anzieht und seinem Spiegelbild seine Tagesziele vorbetet weniger seltsam als die Fotografin, die sich jetzt schon auf das nächste Samhain freut, weil sie es mit ihren Freunden, die ähnlich ticken wie sie, feiern wird?

Und um das ganze noch etwas schwieriger zu machen: Wie sieht das ganze dann aus, wenn man es aus dem Blickwinkel der Psychiatrie betrachtet?
Das war nämlich der Grundgedanke, der mich zu diesem Blog-Eintrag brachte. 
Seit ich in der Psychiatrie arbeite, habe ich festgestellt, dass dort alle ganz nüchtern und sachlich sind. Naja... also zumindest vordergründig. 
In der Mittagspause wird der ein oder andere dann vielleicht auch schon mal offener und erzählt von spirituellen (da haben wir es wieder) Gedanken und Ideen. Oh - außer natürlich man gehört zu den Ärzten. (So wie ich by the way.)
DANN ist man natürlich immer nüchtern und sachlich. Himmel hilf, man stelle sich vor, man wäre etwas anderes als aalglatt, vollkommen wissenschaftlich durchdrungen und bis in die letzte Faser seines Wesens frei von religiösen Einflüssen. 
Wait what?
Ich muss manchmal schmunzeln. Also selbst die Kollegen, von denen ich ganz sicher weiß, dass sie zumindest religiös sind, halten diese Thematik vollkommen aus jedem Gespräch raus. Klar, dass man im Rahmen seiner Arbeit über private Dinge nicht aus dem Nähkästchen plaudert ist logisch, aber es gibt ja dann eben auch noch die Gespräche, die über die Arbeit hinaus gehen, irgendwo im Pausenraum. Und da sind es immer meine ärztlichen Kollegen, die dahingehend außerordentlich zurückhaltend, skeptisch und leider auch oft wertend sind. Und klar, ehe es hier zu Missverständnissen kommt: Glaube und Religion sind erst einmal etwas sehr privates und niemand ist verpflichtet, irgendetwas dazu zu sagen. Die Wertungen, auf die ich wieder und wieder stoße, finde ich hingegen eher schwierig. 

Wäre das schon alles, wäre es mir ja vielleicht auch noch egal. Arbeit ist halt Arbeit. Je nachdem, wo man arbeitet, haben das Privatleben und die privaten Ansichten da gar nichts zu suchen. Das ist auch ok so. Jeder entscheidet selbst, wie viel er oder sie von sich preisgeben möchte und diese Grenze sollte niemals nie überschritten werden. Es bringt mich nur manchmal ein bisschen zum Schmunzeln, wenn ich den Unterschied betrachte in der Offenheit der Menschen der verschiedenen Berufsgruppen im gleichen Arbeitsumfeld. 
Aber das ist ja leider nicht alles und das ist der Knackpunkt. 
Es gibt da diesen einen Satz, der mich innerlich sehr schnell zur Weißglut bringen kann, je nachdem in welcher Situation er fällt:
"Das ist ja auch schon so ein bisschen wahnhaft."

An dieser Stelle zitiere ich aus "Berger - Psychische Erkrankungen": 
"Im Zentrum der inhaltlichen Denkstörungen steht der Wahn in seinen verschiedenen Ausdrucksweisen. Als Wahn wird eine Fehlbeurteilung der Realität bezeichnet, die mit erfahrungsunabhängiger und damit unkorrigierbarer Gewissheit auftritt und an der mit subjektiver Gewissheit festgehalten wird, auch wenn sie im Widerspruch zu Erfahrungen der gesunden Mitmenschen sowie ihrem kollektiven Glauben und Meinen steht." 

Ich habe hingegen (mittlerweile viel zu oft) erlebt, dass "Wahn" für manche Kolleg*innen irgendwie so etwas bedeutet:
"Alles, was nicht meinem 110%ig wissenschaftsbasiertem Weltbild entspricht". 

Manchmal ist es auszuhalten, dann wird nur beschmunzelt, wenn Patient*innen Yoga machen und an positive Energien glauben, daran, dass ihnen die Verbindung zur Natur gut tut und so weiter. Wobei ich es ehrlicherweise bisweilen grotesk finde, wie Dinge, die wirklich einen positiven Effekt auf Menschen haben können, belächelt werden. Ich rede hier von Dingen wie Manifestation, Meditation oder tatsächlich auch Yoga. Klar kann man hier nicht alle über einen Kamm scheren, klar gibt es Ärzte, die offener sind als andere, aber dieses humorvolle Abwerten der Dinge habe ich wirklich nicht selten erlebt. 
Das an sich wäre irgendwie schade, aber verschmerzbar - ist ja erstmal nur eine Meinungsäußerung, die man nicht einmal wirklich mitbekommt. 
Aber ich habe eben auch schon oft diesen, oben bereits genannten, Satz gehört. 
Ja - die Grenzen mögen hier schwierig zu definieren sein, das muss man sich klar machen. Der Laie hätte mit Sicherheit seine Schwierigkeiten einen Menschen mit sehr (ich sage es jetzt absichtlich und bewusst:) esoterischen Ansätzen von einem tatsächlich wahnhaften Patienten zu unterscheiden. Aber bei jedem Anflug von spirituellem Gedankengut direkt das Wort "Wahn" in den Ring zu werfen, finde ich mehr als nur schwierig. 
Auch hier ist es (theoretisch) zu verschmerzen, weil dem meist keine Konsequenz folgt, wenn der "Wahn" "nur" bedeutet, dass Patient*innen ihre Verbundenheit zur Natur bekunden, einen Kristall auf ihrem Nachttisch stehen haben oder glauben, dass sie auf ihre Intuition hören sollten bei bestimmten Entscheidungen. 

Trotzdem hinterlässt es, auch - oder gerade - im Team irgendwie dieses Gefühl von "das ist ja etwas irgendwie Schwieriges  - besser halte ich die Klappe, wenn ich da auch eine Meinung zu habe". 
Ich verstehe im Ansatz, warum das so ist oder sein könnte. Menschen, die nämlich wirklich wahnhaft sind auf Grund ihrer Erkrankung, sind potentiell empfänglich für solche Gedanken und Ideen und das Krankheitsbild könnte sich potentiell verschlimmern. 
Aber das könnte es auch durch andere Einflüsse. Ich weiß einfach nicht, ob es das rechtfertig. Und der Witz ist ja - vieles hat ja längst Einzug in die Behandlungs-Strategien gefunden (was ich im Übrigen richtig gut finde): Aroma-Therapie, Entspannungsbäder, Traumreisen, Akupunktur oder Wahrnehmungs-Spaziergänge zum Beispiel. 

Die Grenzen verschwimmen und trotzdem wird immer wieder stigmatisiert. Teils aus nachvollziehbaren, teils aus nicht nachvollziehbaren Gründen. 
Ich betrachte das alles und frage mich, wie es sich entwickeln wird? (Ich bin ehrlich gespannt)
Und ich glaube trotzdem daran, dass bestimmte Dinge eher nutzen als schaden, wenn man vernünftig überlegt, was man nutzt oder thematisiert und wer einem da gerade gegenübersitzt. 
Vor allem aber würde ich mir wünschen, dass man im Umgang miteinander einfach offener sein könnte und somit auch eine größere Vielfalt an Möglichkeiten möglich machte, aus der man evtl. schöpfen könnte. 

Am Ende muss jeder für sich selbst wissen, was ihm oder ihr gut tut. Jeder sollte sich aber auch darüber im Klaren sein, dass nicht nur das eigene Handeln Wellen schlägt sondern auch jeder geäußerte Gedanke, je nachdem, bei wem er Gehör findet und "Ablehnung" ist eine starke Kraft, denn sehr viele Menschen haben Angst vor ihr. 
Wenn wir es also alle schaffen würden, ein bisschen offener aufeinander zu zu gehen, vielleicht wäre das damit vielleicht verbundene Gefühl der Entspannung gar nicht so schlecht?
Wer weiß. 

Mich würde natürlich eure Meinung dazu interessieren, hinterlasst gerne etwas dazu in der Kommentarfunktion dieses Beitrags. 

 

 

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