Cuirina - Constanze Spengler

Borderline Persönlichkeitsstörung

Sicherlich kein einfaches Thema, aber ich werde dennoch versuchen, mich dem zu widmen. Von euch wurde es am häufigsten gewünscht und mir ist es darüber hinaus auch ein klares Anliegen, hier etwas Aufklärungs-Arbeit zu leisten. Dementsprechend geht es auch hier nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern um meine Meinung zu dieser Thematik mit dem Ziel, jedem Interessierten das Thema etwas zugänglicher zu machen.

Aufklärung ist in meinen Augen deswegen so wichtig, weil das Bild der Borderline-Persönlichkeitsstörung (ich kürze es ab hier mit BPS ab), in den Köpfen von Laien, aber leider auch Medizinern, schrecklich verzerrt und stigmatisiert ist.
Dies hat in meinen Augen mehrere Gründe.
Die viel zu schnell erfolgende Stigmatisierung, selbst in den Köpfen von psychiatrisch geschultem Personal, resultiert in meinen Augen zum einen aus den Schwierigkeiten, die häufig im Umgang mit Patienten entstehen, die unter einer BPS zu leiden haben. Zum anderen entstehen diese Schwierigkeiten sicherlich nicht zuletzt daraus, dass häufig das Hintergrundwissen über den richtigen Umgang mit den Patienten fehlt und das finde ich ehrlicherweise ziemlich fatal.
Sicherlich gilt das nicht für alle Bereiche der Psychiatrie, aber wer nicht speziell dafür geschult wurde oder sich eigenständig weitergebildet hat, trägt sich, so wie ich es bisher erlebt habe, häufig mit schwammigem Halbwissen und wenig Geduld herum – eine sehr ungünstige Kombination. Von medizinischem Personal aus anderen Fachrichtungen will ich gar nicht erst anfangen.

Das verzerrte Bild dieser Erkrankung in unserer Gesellschaft, außerhalb der psychiatrischen oder medizinischen Einrichtungen, hat sicherlich mehrere Ursachen.
Da gibt es vor allen Dingen sehr viele und tiefgreifende Vorurteile, die schon seit langer Zeit so weit ausufern, dass „Borderline“ als Schimpfwort und/oder Abwertung verwendet wird. Dass dies eine haarsträubende Diskriminierung darstellt, muss ich wohl kaum dazu sagen.
Aber es gibt auch eine, in meinen Augen wirklich gefährliche und irreführende Romantisierung des Krankheitsbildes insbesondere in den Sozialen Medien.
Es ist schön, dass jeder mittlerweile die Möglichkeit hat, sich eine Stimme zu geben. Weniger schön ist, dass man auf vielen Kanälen die Wahrnehmung vermittelt bekommt, dass eine solche Erkrankung einer Art groteskem Ritterschlag gleichkommt oder aber eine praktische Entschuldigung für jegliches Fehlverhalten ist.
Das ist aber ganz einfach Unsinn. Weder ist es wünschens- oder erstrebenswert, an einer BPS zu leiden, noch sollte eine psychische Erkrankung, egal welche, als General-Entschuldigung für jedwedes Fehlverhalten hergenommen werden. Ziel einer Diagnose sollte sein, an der Erkrankung zu arbeiten, nicht, sich auf der Diagnose auszuruhen mit dem Gedanken „Dagegen kann ich ja sowieso nichts machen.“

Aber was bedeutet denn jetzt eigentlich „Borderline“?

Die korrekte Diagnose im ICD10 lautet hier „Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ“. (Es gibt auch noch den impulsiven Typ, aber das würde hier den Rahmen sprengen.)

Falsch ist es, anzunehmen, dass einzelne Symptome, die unter diesem Krankheitsbild zusammengefasst sind, automatisch das Störungsbild ergeben. Der Teenager, der beispielsweise irgendwann mal ausprobiert hat, wie es ist, sich zu verletzen, hat nicht automatisch und zwingend eine BPS. Die Diagnose sollte hier Fachleuten überlassen werden, die mit Tests und Gesprächen in der Lage sind, ein echtes Störungsbild zu erkennen.

Um die eigentliche Entstehung einer BPS zu erklären, wurde das Biopsychosoziale Entstehungsmodell entwickelt und ich finde es ehrlicherweise sehr einleuchtend.
In diesem Modell geht man davon aus, dass zum einen eine genetisch bedingte affektive Hypersensibilität bei den Patient*innen vorliegt und diese kombiniert mit frühen traumatischen Erfahrungen über dysfunktionale Bewältigungsstrategien zu einer Störung der Emotionsregulation führt, welche sich dann wiederum in den verschiedenen Bereichen des Störungsbildes zeigt.
Was heißt das jetzt in einfach?
Ein Kind, das bereits von Natur aus eine hohe Sensibilität, eine hohe Wahrnehmung an Emotionen besitzt, kommt in die Situation, nicht wirklich zu lernen, damit umzugehen. Der Begriff „Trauma“ wird hier leider oft falsch verstanden, weil es nicht zwingend nötig ist, dass Patient*innen mit BPS, Gewalt oder Missbrauch erlebt haben, auch wenn man das leider nicht selten findet. Emotionale Vernachlässigung ist nämlich an dieser Stelle genauso traumatisierend und ausreichend, um letztlich das Störungsbild zu entwickeln.
Und was bedeutet emotionale Vernachlässigung? Sehr oft habe ich gehört, dass die Eltern schlichtweg nicht mit der hohen Emotionalität der Kinder umgehen konnten und darauf abweisend, ignorierend oder strafend reagierten.
Dass ein Kind auf diese Weise nicht lernt, wie man richtig mit diesen ganzen vielen und großen Gefühlen umgeht, ist vermutlich nicht allzu schwer nachzuvollziehen.

Und was bedeutet das dann?

BPS-Patient*innen zeichnen sich häufig durch ihr „emotionales Chaos“ aus, das für Außenstehende oft nicht, oder nur sehr schwer, nachvollziehbar ist.  
Dabei stehen Aspekte wie die Angst vor vermeintlichem Verlassenwerden, Angst vor Zurückweisung oder Abwertung genauso auf der Tagesordnung, wie überschwängliche Euphorie und Begeisterungsfähigkeit, die Idealisierung einzelner Menschen (die auch schnell ins Gegenteil wechseln kann) und die Fähigkeit, für den Menschen, den man im Visier hat, möglichst perfekt sein zu wollen (und dies manchmal auch erschreckend gut hinzukriegen, solange es eine Erfolgsaussicht liefert.
Dabei können Situationen entstehen, in hoch manipulativ erscheinen und wirklich erschreckend sind.
Das sind dann die Momente, wo im klinischen Setting von „Team-Spaltung“ und „Manipulation“ die Rede ist, im normalen Alltag auch gerne mal von "völlig irre" oder "nicht zumutbar".
Was ich in diesen Situationen versuche, zu erklären ist, dass die Patient*innen das oft gar nicht so bewusst wahrnehmen, wie es aussehen mag.
Es geht hier nicht um Menschen, die mit dem Gedanken „Haha – wie kann ich heute meinen Willen durch möglichst viele Intrigen und Winkelzüge erreichen“ morgens aufwachen, sondern häufig um Situationen, die aus einer tief empfundenen Not heraus entstehen und den Patient*innen, so unbegreiflich das erscheinen mag, in diesen Momenten vollkommen logisch erscheinen.

Ich versuche es mal mit einem Beispiel, welches ich erfinde, das aber auf zahlreichen Erfahrungen aufbaut:

Nehmen wir zwei Menschen, ebenfalls erfunden: Chris und Cindy.
Die beiden sind befreundet, Cindy findet Chris unglaublich toll. Er ist charismatisch und aufregend und reißt sie mit seinen tollen Ideen und Gedanken richtig mit. Durch ihn hat sie ganz neue Dinge kennen gelernt und Interessen entwickelt und da steht die Hoffnung im Raum, dass aus dieser Freundschaft auch mehr werden kann. Chris findet Cindy ebenfalls spannend. Sie scheint perfekt zu sein als Partner, hängt an seinen Lippen, wenn er etwas erzählt, gibt ihm das Gefühl, der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein und interessiert sich leidenschaftlich für all seine Hobbies.

Die beiden treffen sich seit einiger Zeit regelmäßig und verbringen Zeit. Das nächste Date ist auch schon verabredet für in zwei Tagen.
Cindy freut sich und plant bereits, was sie anzieht, was sie ihm vielleicht als kleine Aufmerksamkeit mitbringen könnte und recherchiert über Themen, die ihn interessieren, mit denen sie sich aber noch nicht so gut auskennt.
Dann ruft Chris an.
„Du, können wir unser Treffen bitte verschieben? Eine alte Schulfreundin ist nach Jahren einmal wieder in der Stadt und das nur für einen einzigen Tag. Wir wollen uns mit der alten Clique treffen. Wir können uns ja einen Tag später treffen? Mir würde das sehr viel bedeuten. Ich freu mich schon darauf, dich wiederzusehen!“

Chris lebt in dem Glauben, dass die herzenswarme, quirlige Cindy, die ihm so unglaublich viel Verständnis entgegenbringt, bestimmt kein Problem mit seinem Wunsch hat.

Cindy hingegen hört nicht die Freude von Chris über das baldige Wiedersehen.
Sie nimmt nur eine Sache wahr: Er will sich mit einem anderen Menschen, noch dazu einer Frau treffen und sagt ihre Verabredung dafür ab.
Wahrscheinlich ist sie spannender als sie. Wahrscheinlich läuft da irgendwas. Wahrscheinlich hat er sowieso kein Interesse an ihr. Wahrscheinlich war sein ganzes Interesse bisher sowieso nur geheuchelt. Wie konnte sie auch nur so dumm sein, das alles für bare Münze zu nehmen, das war doch alles nur Geschwätz und eigentlich hat sie ja schon die ganze Zeit geahnt, dass er es gar nicht ernst meint mit ihr. Hätte sie das doch mal wirklich wahrgenommen, dann hätte sie sich gar nicht erst auf diese Gefühle eingelassen und jetzt – jetzt sind diese Gefühle da und sind so schrecklich überwältigend.

Cindy sitzt zu hause und erstickt innerlich an einer Flut von negativen Gefühlen: Angst, Schmerz, Verlust, Abwertung, Zorn, Einsamkeit.
All das verschmilzt zu einem unerträglichen Klumpen aus Anspannung und Hilflosigkeit.
Was soll sie denn jetzt machen?
Die Anspannung wird immer größer und immer unerträglicher. Wenn er doch nur sehen könnte, wie schlecht es ihr jetzt gerade geht, dann würde er sich vielleicht nicht mit dem andern Mädchen treffen.
Aber wie soll sie ihm das begreiflich machen? Wie soll sie ihm klar machen, dass sie ihn nicht verlieren will?

Gesunde Menschen würden in dieser Situation vermutlich auf zwei Arten reagieren.
a) Sie freuen sich für den anderen, der seine alten Schulfreunde wiedertrifft und freuen sich auf das Treffen einen Tag später
b) Sie sind etwas verunsichert und kommunizieren das. „Ach Mensch, ich hatte mich so auf den Tag gefreut. Das ist echt schade“ oder ganz mutige „Sag mal – darf ich vielleicht mitkommen und deine Freunde mal kennen lernen?“

Cindy reagiert anders.
In dem verzweifelten Ringen um eine Lösung aktualisiert sie ihr Facebook Profil- und Titelbild. Die Bilder, die sie einstellt, sind düster und traurig. Der Status wird ebenfalls aktualisiert „Todunglücklich“.

Chris, der das sieht, macht sich natürlich Gedanken.
Da er gar nicht auf die Idee kommt, dass das etwas mit seinem Wunsch zu tun haben könnte, schickt er eine Nachricht: „Ist alles ok bei dir? Ich habe deinen Status gesehen“.

Cindy, die spätestens jetzt sagen könnte, dass sie mit der Situation nicht zurechtkommt, will sich aber nicht als unsicher und schwach outen, so, wie sie es empfindet.
Was also soll sie tun? Sie muss eine Geschichte erfinden, die erklärt, warum es ihr so schlecht geht, ohne, dass sie vor Chris das Gesicht verliert.
Also antwortet sie ihm „Meine Mutter ist im Krankenhaus.“

Chris springt darauf an und so  schraubt sich eine Spirale aus Lügen und Geschichten nach oben.
Die Mutter hat potentiell plötzlich eine Krebs-Erkrankung – oder sogar Cindy selbst. Hauptsache es ist ein guter Grund.
Je mehr Chris mit Bestürzung und Aufmerksamkeit darauf reagiert, desto mehr dreht sich bei Cindy die Spirale, denn natürlich sagt er das Treffen jetzt ab und kümmert sich allein um sie. Und Cindy lernt, dass diese Art der Strategie funktioniert – also wird sie sie wieder anwenden.

Diese Geschichte kann sehr unterschiedlich weitergehen.
Wenn es Cindy gelingt, lenkt sie den Zug wieder auf die Schienen. Die Krankheit stellt sich als Fehlalarm heraus und sie ist unglaublich dankbar und süß zu Chris, der sich so aufopferungsvoll um sie gekümmert hat.
Oder Chris findet heraus, dass die Geschichte nicht stimmt – dann kann die Situation eskalieren. Chris stellt Cindy zur Rede und Cindy zeigt eine ganz andere, verletzende und dunkle Seite von sich, denn sie muss sich ja verteidigen, gegen die Anschuldigungen. Warum versteht er sie denn nicht, dass sie das alles nur für und wegen ihm gemacht hat.

So oder ähnlich kann sich eine solche Geschichte ereignen.
Und ich habe mit Absicht eine eher alltägliche Situation gewählt und keine ganz krassen Geschichten herangezogen, denn es geht mir hier nicht darum, zu zeigen, wie heftig sich eine solche Erkrankung darstellen kann, sondern wie weit das, was in Kopf und Herz der Patient*innen passiert von dem abweicht, wie es nach außen empfunden oder interpretiert wird. Da ist oft viel Not und Leid im Spiel, was es natürlich nicht entschuldigt, aber vielleicht erklärt.

Natürlich ist das nicht das Einzige, was BPS-Patient*innen das Leben schwer macht, sondern es finden sich auch andere Schwierigkeiten:

Oft ist es so, dass der rasche Wechsel zwischen hoher Idealisierung „das ist der perfekte Mensch für mich, wir sind seelenverwandt, es ist, als würden wir uns schon ewig kennen“ und der völligen Entwertung „Ich wusste sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, wie kann ein Mensch nur so schrecklich sein, eigentlich hat er/sie mich die ganze Zeit nur benutzt“ zu sehr kurzen aber intensiven Beziehungen führen, die keine Stabilität geben und das ungesunde Beziehungs- und Verhaltensmuster immer nur noch mehr bestärken.

Das eigene Selbstbild ist häufig sehr unsicher und instabil. Die Patient*innen erfinden sich immer wieder irgendwie neu, sind auf einer verzweifelten Suche, die keine Richtung kennt. Oft versuchen die Patient*innen dann anderen Menschen, die sie bewundern, nachzueifern, übernehmen deren Anschauungen, lassen sich begeistern und fallen tief, wenn sie merken, dass dieser Weg gar nicht ihr Weg ist. Damit ist es natürlich auch schwierig, beispielsweise eine Ausbildung oder ein Studium durchzuhalten und abzuschließen, vor allen Dingen auch im Hinblick auf einen Mangel an Kritikfähigkeit.

Häufig sind die Patient*innen geplagt von einem hohen Maß an Impulsivität, das sich ganz unterschiedlich darstellen kann, solange es den „Kick“ gibt. Leider ist diese Impulsivität meistens mit selbstschädigenden Verhaltensweisen assoziiert.
Das kann rücksichtsloses Autofahren sein oder häufig wechselnde, vielleicht sogar riskante sexuelle Beziehungen, auch der Konsum von Drogen und Alkohol kann dazu zählen und noch einiges anderes.

Das „emotionale Chaos“ hatte ich weiter oben ja bereits erwähnt. Für Angehörige und Außenstehende kann das sehr belastend sein, da die emotionalen Ausbrüche oft unerwartet und sehr intensiv sein können.

Die meisten BPS-Patient*innen kennen darüber hinaus ein tiefes Gefühl von innerer Leere, das sich immer wieder einstellt.

Auch heftige, unkontrollierbare Wutausbrüche sind keine Seltenheit.

Dissoziation ist ein weiteres mögliches Symptom. Plötzlich nehmen die Patient*innen die Welt um sich herum gar nicht mehr wirklich wahr, sind vielleicht gar nicht ansprechbar, irgendwo weit abseits und nicht erreichbar.

Am schwerwiegendsten ist vermutlich das Thema Selbstverletzung und Suizidalität, denn gerade bei BPS-Patient*innen hält sich in der Gesellschaft hartnäckig der Gedanke: „Das ist doch sowieso nicht ernst gemeint“ oder „Wer drüber redet, der macht es nicht“.
Ja, es kann gut sein, dass hier leere Drohungen absichtlich ausgesprochen werden, um eine Situation „zu retten“, so wenig nachvollziehbar das erscheint.
Und jetzt meine Meinung dazu: Es ist vollkommen und absolut irrelevant, welche Vorerkrankung oder Vorgeschichte vorliegt. Wenn ihr die begründete Sorge habt, dass sich jemand etwas antun könnte, dann denkt nicht lange daran herum. Wenn ihr könnt, bringt die Person in eine psychiatrische Notaufnahme und überlasst die Einschätzung der Situation den Fachmenschen. Immer.

Und wenn ihr jemanden in eurem Umfeld habt, bei dem ihr glaubt, es trifft vieles von dem hier Beschriebenen zu oder es geht euch selber so, dann bitte, sucht euch Hilfe. Dafür gibt es Psychiatrien/Psychiater/Psychologen.
Denn die gute Nachricht ist: Mit der richtigen Therapie, kann man eine BPS in den meisten Fällen gut behandeln. Die schlechte ist: Angehörige sind damit fast immer überfordert – darum ist professionelle einfach wichtig und sinnvoll.
Schritt 1 sollte eine sichere Diagnostik sein. Wenn dies stattgefunden hat kommt Schritt 2, nämlich eine Therapie, die darauf spezialisiert ist, wie zum Beispiel DBT.

Ja, die Emotionalität bleibt, aber man kann lernen, damit umzugehen. Es ist sicherlich kein einfacher Weg, aber ein Weg, der ein normales Leben ermöglichen kann und das ist sehr viel wert.

Natürlich kann ich jeden verstehen, der sagt, dass ihm das zu viel oder zu anstrengend ist. Letztlich muss jeder für sich selbst wissen, wie er damit umgeht, wenn ihm nahestehende Menschen an einer psychischen Erkrankung leiden (oder man selbst betroffen ist).
Aber was ich absolut indiskutabel finde sind Aussagen wie „Das ist doch voll die Borderlinerin“ (denn das ist ganz einfach kein Schimpfwort – das geht überhaupt gar nicht) oder „Mit Borderliner*innen will ich auf keinen Fall was zu tun haben“ weil das einfach alle Menschen mit dieser Erkrankung über einen Kamm schert und entwertet.
Viele, die so denken, wären vermutlich überrascht, wie gut manche Patient*innen lernen können, mit ihrer Erkrankung umzugehen und wie viel Liebenswertes ganz einfach vorhanden ist. Am Ende ist es für die Betroffenen ein steter Kampf, bei dem sie Hilfe, Stabilität und Unterstützung gut gebrauchen können.

Und zum Schluss noch einmal:
Das hier ist kein Wissenschafts-Artikel – es ist meine Meinung zu dieser Erkrankung und ich bin absichtlich nicht in die ganz dunklen Ecken, die diese Erkrankung mit sich bringen kann, abgeschweift, denn es geht hier nicht darum, den Wettkrampf um die schlimmsten Symptome zu befeuern, sondern darum, Verständnis für die Denk- und Gefühlswelt der Patient*innen zu erreichen.
Ich hoffe, ich konnte das ein bisschen erreichen.

Fragen könnt ihr gerne in den Kommentaren stellen. Und wenn weitergehendes Interesse besteht an den Aspekten dieser Erkrankung: auch das bitte einfach über die Kommentare äußern :-)

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Depressionen

 

Ein sehr großes Thema, das sich auf meinen Social-Media-Kanälen am häufigsten gewünscht wurde. Ich werde aber, trotz der Komplexität des Themas, sehr gerne versuchen, etwas dazu zu schreiben. Dabei ist meine Intention ganz sicher nicht, einen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben (an alle Kolleg*innen, die mitlesen sollten) sondern es geht darum, das Thema einfach mal ein bisschen in den Punkten zu beleuchten, die gerade für Betroffene und Menschen, die noch nie damit zu tun hatten, einen Sinn ergibt.

Es gibt eine nicht unerhebliche Hürde beim Thema Depressionen: Hier mischen sich nämlich Stigmatisierung, Vorurteile, mangelndes Wissen, Angst, Fehlinformationen und Scham.
Nichts davon ist hilfreich.

Ich habe im Rahmen meiner Arbeit oft erlebt, wie Menschen sich über Monate oder gar Jahre mit dieser Erkrankung gequält haben, weil sie Angst hatten, sich Hilfe zu suchen. Die Gründe waren dabei ganz unterschiedlich und ich will mal versuchen, die wichtigsten aufzuzählen und ein bisschen was dazu erläutern:

Viele haben Angst, dass ihre Familien und Freunde sie nicht ernst nehmen. Dass man zu hören bekommt „Ach komm, jetzt lass dich doch nicht so hängen, du musst dich nur ein bisschen anstrengend, dann wird das alles“. Die Angst, für schwach gehalten zu werden und die Scham davor, sich selbst und anderen gegenüber einzugestehen, dass man ohne Hilfe nicht mehr weiterkommt, ist ebenfalls sehr groß, genauso wie die Angst, plötzlich „der Geisteskranke“ zu sein.
Hier mal direkt und ganz wichtig angemerkt: Niemand, wirklich niemand muss sich dafür schämen, krank zu sein oder sich Hilfe zu holen – im Gegenteil. Derjenige, der diesen so wichtigen Schritt geht und Hilfe sucht, hat im Grunde schon sehr viel Stärke bewiesen, und das mitten in einer Zeit und Erkrankung, die einem eigentlich so viel Kraft entzieht. Das ist etwas, worauf man auf jeden Fall stolz sein kann und sollte.
Leider ist es manchmal wirklich so, dass die Familie oder die Freunde nicht unterstützen, aber ich habe eigentlich noch nie erlebt, dass nicht doch von irgendeiner Seite Hilfe und Support kommt. Und ganz ehrlich – in so einer Situation lernt man, wen man zukünftig als wirklichen Freund ansehen kann, denn wer nicht bereit ist, einem auch in einer schwierigen Lebensphase die freundschaftliche (oder partnerschaftliche) Treue zu halten, der hat diese Freundschaft am Ende der Geschichte auch nicht verdient.

Natürlich ist es manchmal eine Zerreißprobe für eine Freundschaft, gerade dann, wenn die Depressionen schwer zu behandeln sind oder häufig wiederkommen. Natürlich ist es hart, über Monate oder sogar Jahre zu erleben, dass jemand, der einem am Herzen liegt, leidet und einem die Hände gebunden sind. Aber in den meisten Fällen ist es nicht so langwierig und wenn doch, kann man mit seiner Unterstützung viel dafür tun, dass die Situation sich bessert. Je nach Klinik oder ambulantem Behandler man auch die Menschen, die einem am allernächsten stehen, in den Prozess der Genesung mit einbinden. So führe ich zum Beispiel relativ häufig Familien- oder Paar-Gespräche, wo es vor allem darum geht, ein gegenseitiges Verständnis für die Bedürfnisse des jeweils anderen und für die Erkrankung an sich zu schaffen, Hilfestellung im Umgang damit zu geben und aufzudecken, wo vielleicht Fragen, Sorgen oder Ängste liegen, um diese aus dem Weg räumen zu können.

Dass in unserer Gesellschaft, gerade bei psychischen Erkrankungen noch stark stigmatisiert wird, ist ein Thema, das man nicht unter den Teppich kehren kann, aber dazu komme ich später in diesem Text. Hier liegt aber sicherlich auch eine erhebliche Hemmschwelle für Patienten, ihre Probleme zu kommunizieren.

Dann ist da die Angst, was weiter passiert. „Was machen denn eigentlich die Medikamente mit mir, wenn ich welche nehmen sollte? Und was passiert in so einer Klinik? Das ist doch ein Irrenhaus. Wenn ich da rein gehe, verliere ich all meine Rechte und werde ruhiggestellt und alles ist vorbei.“
Solche Gedanken sind nicht selten, aber das entspricht nicht der Realität. Viele haben von Psychiatrien eine völlig falsche Vorstellung, vermutlich nicht zuletzt durch alle halbwegs modernen Horror-Serien oder -Filme, die in den gängigen Streaming-Portalen kursieren.
Dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht, merkt man sehr schnell, wenn man eine psychiatrische Klinik mal von innen sieht.
Da geht es nicht um verschlossene Türen, Gummizellen, Beruhigungsspritzen und griesgrämige „Wärter“, die einem Gewalt antun wollen. Es geht um Selbstfürsorge, Tagesstruktur, das Verstehen des eigenen Krankheitsbildes, Sport/Bewegung, kreative Beschäftigung und den engen Austausch mit dem Team.
Klar gibt es geschlossene bzw. geschützte Stationen, aber selbst hier verliert man nicht einfach alle seine Rechte. Ist man freiwillig Patient, kann man auch freiwillig wieder gehen. Das bedeutet zwar, dass man ggf. unterschreiben muss, dass man gegen ärztlichen Rat die Klinik verlässt, aber man wird nicht aufgehalten, man wird nur ausführlich beraten, dass es möglicherweise keine gute Idee und potentiell gesundheitsgefährdend ist, die Behandlung abzubrechen.
Auch hier gibt es natürlich wieder eine Ausnahme und zwar die, dass der Patient eine akute Gefahr für sich oder andere darstellt. Wenn wir als Ärzte also annehmen müssen, dass der Patient so instabil ist, dass er sich das Leben nehmen wird oder auf andere Menschen losgeht, DANN können und müssen wir veranlassen, dass ein Patient auch gegen seinen Willen in der Klinik festgehalten wird. Hier gibt es aber strenge Regeln und Richtlinien, klare Kriterien, die erfüllt sein müssen, jede Menge Papierkram und innerhalb von 24h einen Richter, dem die Lage vorgestellt werden muss und der letztlich über den weiteren Verlauf entscheidet. Niemand trifft so eine Entscheidung leichtfertig und wenn sie getroffen ist, muss sie jeden Tag erneut überprüft und klar begründet werden, dass dieser Beschluss weiterhin gerechtfertigt ist.

Was eigentlich erreicht werden soll, gerade in der stationären Depressions-Behandlung ist, die Patienten erst einmal abzuschirmen von allem, was draußen passiert, damit man die Chance hat, zur Ruhe zu kommen und sich erst einmal vollständig auf sich selbst und seinen Krankheitsverlauf zu konzentrieren.

Es muss aber auch nicht jede Depression in der Klinik behandelt werden, bei leichten oder mittelschweren Erkrankungen ist eine ambulante Therapie absolut möglich und ausreichend.
Gleich ob ambulant oder stationär ist die Medikation hingegen sicherlich das nächste großes Thema. Viele, die damit noch nie in Kontakt gekommen sind, haben Angst vor Medikamenten, die auf die Psyche wirken und das ist auch vollkommen verständlich. Darum ist es absolut legitim und ratsam, seinem Arzt alle Fragen zu stellen, die man dazu hat.
Es geht nämlich in der antidepressiven Therapie nicht um das „Ruhigstellen“, sondern darum, die Botenstoffe im Gehirn wieder in Balance zu bringen. Das hat in vielen Fällen sogar eher einen aktivierenden Effekt, was auch Sinn macht, da viele Depressionen mit Antriebslosigkeit einhergehen. Es gibt auch Patienten, die mehr darunter leiden, dass sie unruhig sind und gar nicht mehr schlafen können und da macht es natürlich mehr Sinn, zu Medikamenten zu greifen, die eher einen beruhigenden oder schlafanstoßenden Effekt haben, das wird aber im Einzelfall und je nach Symptomatik und in Absprache mit dem Patienten entschieden.
Hier geht es aber ganz sicher nicht darum, einfach nur zu dämpfen oder Patienten abhängig zu machen.
Das Thema Abhängigkeit ist jedoch ein sehr angstbehafteter Punkt und hier muss man ganz dringend unterscheiden: Es gibt Medikamente, die tatsächlich abhängig machen, aber Antidepressiva gehören nicht dazu. Allerdings kann es zu ungewünschten Effekten kommen, wenn man ein Antidepressivum von heute auf morgen einfach absetzt, weswegen man hier schrittweise vorgeht, was dann in der Regel komplikationslos verläuft. Hier kann ich nur dringend jedem davon abraten, ein Medikament auf eigene Faust einfach abzusetzen oder die Dosierung zu verändern. Redet bitte mit euren Ärzten, die sind dazu verpflichtet, euch aufzuklären und über alle Wirkungen und Nebenwirkungen und euch zu begleiten, wenn ihr ein Medikament absetzen oder die Dosierung verändern wollt. Wenn euer Arzt dazu nicht bereit ist: wechselt den Arzt!
Darüber hinaus wird man weder ambulant noch stationär einfach gezwungen, ein Medikament einzunehmen. Es werden Empfehlungen ausgesprochen und klar, wenn wir als Ärzte sehen, dass eine Medikation wirklich dringend erforderlich ist, werden wir das auch entsprechend dringlich kommunizieren. Die Entscheidung liegt aber letztlich beim Patienten.
Ja, es gibt so etwas wie Zwangsmedikation, aber dafür braucht es extrem triftige Gründe und das ist auch nichts, was mal eben so entschieden werden darf, das ist gesetzlich klar geregelt. Darüber hinaus betrifft das auch eher andere Krankheitsbilder und würde hier und in diesem Thema definitiv zu weit führen.

Wie aber genau merke ich eigentlich, dass ich an einer Depression erkrankt bin?
Eine wichtige Frage. Denn meistens schleicht sich das ganz langsam ein, so dass man es anfangs gar nicht bemerkt.
Wichtige Punkte, die man im Hinterkopf haben sollte sind folgende: Verliert ihr die Lust an Dingen, die euch eigentlich wichtig sind und die euch sonst immer Spaß bereitet haben? Fehlt euch der Antrieb und müsst ihr euch Tag für Tag dazu zwingen, überhaupt aufzustehen? Ist eure Grundstimmung gedrückt? Fällt es euch schwerer, euch über etwas zu freuen, was sich positiv in eurem Leben ereignet? Fällt es euch schwerer, euch zu konzentrieren? Habt ihr starke Selbstzweifel, Schuldgefühle oder ein Gefühl der Wertlosigkeit? Ist euer Blick in die Zukunft negativ und pessimistisch? Hat sich euer Appetit verändert? Habt ihr Ein- oder Durchschlafstörungen? Kreisen eure Gedanken immer wieder um die gleichen Themen, ohne dass ihr Abstand davon nehmen könnt? Grübelt ihr viel? Ist vielleicht sogar ein Gefühl der Lebensüberdrüssigkeit entstanden?
Je mehr dieser Fragen ihr mit „Ja“ beantworten könnt, desto dringender solltet ihr Kontakt zu eurem Hausarzt suchen, denn der ist eine gute erste Anlaufstelle.
Depressionen sind weder etwas Neues noch etwas Seltenes, was bedeutet, dass die meisten Hausärzte wissen sollten, was weiter zu tun ist. Vielleicht kann er euch bereits helfen, durch diese Zeit zu kommen, vielleicht stellt er aber auch fest, dass ihr mehr Hilfe braucht, als er euch bieten kann. Dann wird es entscheidend, sich einen Psychotherapeuten oder zumindest einen Psychiater zu suchen. Und je nachdem, wie schlecht es einem Patienten wirklich geht, kann es auch notwendig sein, sich in einer Klinik vorzustellen, um sich stationär behandeln zu lassen. Davon geht die Welt nicht unter – im Gegenteil, denn dort bekommt man Hilfe und euer Hausarzt sollte euch auf diesem Weg unterstützend begleiten. Tut er dies nicht: Sucht euch einen anderen Arzt!

Das Problem bei der Suche nach einem Psychotherapeuten ist, dass man meistens auf einer Warteliste landet und etwas Geduld mitbringen muss. Hier macht es Sinn, sich auf möglichst viele Wartelisten setzen zu lassen und Kontakt zur kassenärztlichen Vereinigung aufzunehmen, die einem ggf. helfen können, schneller einen Therapieplatz zu bekommen. Die Wartezeit kann evtl. mit Hilfe des Hausarztes überbrückt werden, das sollte man klar ansprechen.
Psychotherapeutisch arbeiten sowohl Psychologen als auch niedergelassene Psychiater (Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie), die sich für eine psychotherapeutische Praxis entschieden haben. Das ist alles manchmal etwas verwirrend. Häufiger ist es so, dass niedergelassene Psychiater keine Gesprächstherapie in diesem Sinne anbieten, sondern medikamentöse Versorgung und Kurzgespräche. Aber es gibt auch Ärzte, die rein psychotherapeutisch arbeiten (das steht letztlich ja dabei, wenn ihr nach „Psychotherapeuten“ sucht).
Wenn ihr das Gefühl habt, ernsthaft an einer Depression erkrankt zu sein, sollte euer Weg in diesem Fall auch nur zu einem Arzt oder Psychologen führen. Es gibt noch vieles darüber hinaus und es ist super, dass es viele Formen von Coaching gibt, denn diese können uns sehr viel über uns selbst zeigen, beibringen und uns nach vorne bringen. Wenn aber eine Krankheit im Spiel ist, die potentiell auch (lebens)gefährlich verlaufen kann und das ist bei Depressionen der Fall, ist tatsächlich zunächst einmal der Fachmensch gefragt. Befindet man sich später auf dem Weg der Besserung, dann ist alles möglich und erlaubt, was einem gut tut, ob Eulen-Kuscheln (ich bin ein Fan!), Wald-Baden oder jemand, der uns schrittweise erklärt, wie wir aus unserem Potential mehr machen: super! Ich selbst kenne Menschen, die mit ihrem Coaching unglaublich viel erreicht haben oder noch erreichen werden. Aber bitte lasst zuerst die medizinisch relevanten Anteile abklären und die Behandlung einleiten.              

Warum ist das so wichtig?
Das ist relativ einfach zu beantworten. Wenn ihr euch in psychiatrische Behandlung begebt, weil ihr Symptome einer Depression zeigt, sollte zunächst ausgeschlossen werden, dass irgendeine körperliche Ursache dafür existiert. Schilddrüsenunterfunktion, Vitamin-D-Mangel oder neurologische Erkrankungen sind nur Beispiele dafür. Darum wird im Krankenhaus auch immer eine Laboruntersuchung und eine Bildgebung vom Kopf erfolgen, vor allem, wenn die Erkrankung zum ersten Mal auftritt. Allein aus diesem Grund ist es wichtig, als erstes mit dem Arzt zu sprechen. Dazu kommt, und das ist auch wirklich wichtig, dass für die Behandlung einer schweren depressiven Erkrankung definitiv Fachwissen notwendig ist, um eine Zustandsverschlechterung zu verhindern.
Natürlich weiß ich, dass es unter Ärzten, so wie in wirklich jedem anderen Beruf dieser Welt, schwarze Schafe gibt. Das ist so, das wird auch vermutlich immer so sein – so traurig es ist. Darum mein dringender Rat: Wenn ihr euch bei eurem Arzt nicht aufgehoben fühlt, wenn er euch nicht zuhört oder nicht ernst nehmt: Holt euch eine zweite Meinung. Das gilt für jede Art von Erkrankung, gleich ob psychisch oder körperlich.

Aber schwarze Schafe gibt es leider nicht nur unter den Ärzten, sondern auch unter den Patienten. Auch das liegt in der Natur der Sache bzw. in der Natur des Menschen. Meistens hat das herzlich wenig mit böser Absicht zu tun. Ich denke eher, dass gerade da, wo eine Depression auf andere, bereits existierende Probleme, obendrauf kommt, eine Haltung entstehen kann, die allem und jedem im Umfeld die Schuld gibt und dazu führt, dass die Menschen die Hände in den Schoß legen und sagen „Ich bin halt krank, daran kann ich nichts machen“.
Das ist ein Punkt, über den ich mich trotzdem ärgere, denn ich finde schlicht, dass das nicht der Wahrheit oder Realität entspricht sprich: Ich weiß, es geht auch anders.
Ja, es gibt Menschen, die so schwer krank sind, dass sie dauerhaft und umfassende Hilfe benötigen. Diese Patienten arbeiten aber trotz der Schwere ihrer Erkrankung immer wieder, häufig auch wirklich verzweifelt mit daran, die Situation irgendwie zu verbessern. Menschen, die einfach nichts machen und der Ansicht sind, dass die Veränderung von außen kommen muss und ausschließlich ihr Umfeld in die Pflicht nehmen, liegen in meinen Augen aber falsch. So habe ich persönlich nur eine einzige Erwartung an meine Patienten nämlich die, dass sie mitmachen und sich auf die Therapie, die man gerne zusammen besprechen und anpassen kann, einlassen.

Kommen wir noch einmal zum Thema Stigmatisierung.
Leider ist das ein sehr großer Faktor in unserer Gesellschaft geworden. Es schleicht sich das Gefühl ein, dass mit zunehmender Aufklärung und Offenheit dem Thema gegenüber auch die Vorurteile wachsen. Depression hat nichts mit Faulheit zu tun und man heilt sie auch nicht, in dem man sich zusammenreißt. Ratschläge wie „Du musst dich nur mal aufraffen“ oder „Wenn du erstmal unter Leute gehst, wird das alles von alleine“ sind nicht hilfreich. Ebenso wenig macht es Sinn, den Menschen zu unterstellen, dass sie nicht wollen oder sich anstellen.
Eine Depression zu besiegen ist Arbeit und das ist anstrengend. Zuerst muss man sich selbst wieder (mit Hilfe) ins Gleichgewicht bringen und anschließend in seinem Umfeld nach den Faktoren suchen, die einem nicht guttun und eventuell Auslöser für die Verschlechterung der Erkrankung waren. Ich kann einen Patienten hundertmal behandeln und in einem besseren Zustand entlassen – wenn aber das Mobbing auf der Arbeit der Auslöser für die Depression ist, dann wird das Problem immer wieder auftreten, solange bis sich an dieser Situation etwas geändert hat.
Ich habe die Arbeit als Beispiel genommen, weil gerade hier die Stigmatisierung besonders groß ist.
Viele Patienten haben Angst, dass ihre Arbeitgeber erfahren, dass sie in psychiatrischer Behandlung sind, weil sie Angst vor Kündigung und Mobbing haben. Dabei sollte viel eher unterstützt werden, wenn Menschen sich Hilfe suchen. Jemand, der frühzeitig merkt, dass es ihm nicht gut geht und sich Hilfe sucht, wird sehr viel schneller und langfristiger wieder arbeiten können, als jemand, der monate- oder jahrelang seine Probleme in sich hineinfrisst, bis es ihm irgendwann so schlecht geht, dass er gar nicht mehr arbeiten kann und das eventuell über sehr lange Zeit. Damit hat niemand etwas gewonnen, zumal es uns eigentlich guttut, wenn wir eine Aufgabe haben – nur die Bedingungen müssen stimmen.
Jemanden nach einigen Wochen Krankmeldung und evtl. sogar einem stationären Aufenthalt mit „Na, hast du jetzt lange genug krankgefeiert“ zu begrüßen, ist also nicht unbedingt zielführend.

Das Fazit sollte letztlich dieses sein:
Wenn du merkst, dass sich bei dir etwas verändert hat und du bist dir unsicher, was das alles zu bedeuten hat oder wenn deine Freunde oder Familie dich ansprechen, dass du dich verändert hast, vermehrt zurückziehst und „irgendwie anders bist“ als sie es von dir kennen – geh zu deinem Hausarzt. Es muss nicht jedes Mal gleich eine Depression dahinterstecken und wenn doch, kann diese verschiedene Schweregrade haben – sollte es aber so sein, kannst du dort direkt Hilfe bekommen.

Noch wichtiger:
Wenn du merkst, es geht dir wirklich schlecht und negative Gedanken gewinnen die Überhand, wenn du Angst hast, diese negativen Gedanken nicht mehr kontrollieren zu können und du nicht mehr weißt, wie es weiter gehen soll: Jede psychiatrische Klinik hat eine Notaufnahme die 24/7 erreichbar ist. Dort sitzen Fachleute, die mit dir sprechen werden, auch mitten in der Nacht, wenn es notwendig ist und die dann mit dir zusammen entscheiden, wie es weitergeht. Scheue dich nicht, dir Hilfe zu suchen. Und wenn du das Gefühl hast, dass du das alleine nicht bewältigen kannst, dann such die Hilfe bei jemandem, dem du vertraust, egal ob das jemand aus der Familie, ein Freund oder ein Arbeitskollege ist. Wichtig ist: Ein psychiatrischer Notfall ist genauso ernst zu nehmen wie ein Notfall im Sinne einer körperlichen Erkrankung! (Das bedeutet auch: ehe etwas wirklich Schlimmes passiert, ruf die 112)
Das wirklich entscheidende ist, dass man sich helfen lässt. Das wirklich tückische an einer Depression ist nämlich, dass man, wenn man mitten drin steckt, das Gefühl hat, dass nichts mehr so wird, wie es einmal war, dass alles schlimm ist und es keine Hoffnung gibt. Ich kann euch aber aus Erfahrung sagen: Nach ein paar Wochen oder manchmal auch Monaten sieht die Welt wieder ganz anders aus. Ich habe mit so vielen Patienten gesprochen, die kopfschüttelnd darüber gesprochen haben, dass sie gar nicht mehr verstehen können, wie es ihnen so schlecht gehen konnte was bedeutet: Es ging ihnen viel besser, die Freude am Leben kam zurück, die Energie, der Antrieb und die Lust, etwas zu erleben waren wieder da und noch dazu konnten sie lernen und verstehen, wie eine solche Erkrankung funktioniert und wie man sich helfen kann, was protektiv wirkt und wie man sein Leben so gestalten kann, dass man sich besser vor Erkrankungen dieser Art schützt.

Darum das wohl Wichtigste in meinen Augen: Habe keine Angst, dir Hilfe zu suchen. Jeder Mensch, ausnahmslos, hat Hilfe verdient, wenn es ihm schlecht geht und psychische Erkrankungen sind, wie schon gesagt, genauso ernst zu nehmen, wie körperliche Erkrankungen.

Ich hoffe, ich konnte ein paar Fragen zum Thema beantworten, ohne zu fachspezifisch zu werden. Vieles habe ich auf das Nötigste heruntergebrochen, aber ich denke, zum Groben Verständnis reicht das hier erst einmal aus, sonst wird der Text so unüberschaubar lang, dass niemand ihn mehr lesen will. Fragen gerne in die Kommentare.

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