Cuirina - Constanze Spengler

Psychiatrie, Medizin und Politik

Ich bin ehrlicherweise gar nicht so sicher, ob ich diesen Beitrag schreiben sollte. Ich bin aber auch ehrlich, wenn ich sage, dass er mir massiv unter den Nägeln brennt. 

Dass das Gesundheitssystem wenig Raum für den Menschen an sich hat, ist jetzt vermutlich nicht unbedingt die brandneue Schlagzeile. Wer mich kennt, weiß, dass ich das erste Jahr meiner Zeit als Ärztin in der Chirurgie verbrachte. 
Tolles Fachgebiet - ich habe es geliebt, zumindest den medizinischen Teil davon. Aber ich habe es nicht gut ausgehalten, wie dort teilweise mit Menschen umgegangen wurde. Dass Chirurgen nicht unbedingt für ihre Empathie und ihre Engelsgeduld in sozialen Interaktionen bekannt sind, ist jetzt nichts Neues - wobei ich da tatsächlich auch gute Gegenbeispiele kennen lernen konnte, wenngleich diese leider in der Unterzahl waren. Letztlich war es aber erschreckend, und das betrifft nicht nur die Chirurgie, wie sehr erwartet wird, dass eine körperliche Erkrankung einfach akzeptiert und geschluckt wird (ich komme noch zum eigentlich Titelinhalt, versprochen).

Ich fragte mich damals, wie man davon ausgehen kann, dass ein Mensch, der wochen- oder monatelang mit einer riesigen offenen Bauchwunde ans Bett gefesselt ist, ohne psychische Schäden aus der Sache wieder raus geht. (Ich bin ganz sicher, es lassen sich entsprechende Situationen für andere Fachgebiete finden)
Dass die Psyche auf diese massive Belastung reagiert, ist doch nur logisch. Klar, der eine steckt es besser weg als der andere, aber wirkliche Betreuung im Umgang mit erfahrenem Leid, habe ich tatsächlich nur in der Onkologie erlebt, wo es den psycho-onkologischen Dienst gab. Klar, man konnte ein psychiatrisches Konsil anmelden, aber das beinhaltete dann 10 min Abklärung, Medikation und tschüss. 
Mit meinem heutigen Wissen im Gebiet der Psychiatrie ist mir klar, dass wir nicht unerheblich viele Patienten mit schwerster, depressiver Symptomatik hatten, die dahingehend nicht gesehen, nicht behandelt und letztlich nicht einmal wahrgenommen wurden. 

Versteht mich nicht falsch - ich sage nicht, dass sich die Ärzte und die Pflege da auch noch drum kümmern sollten, denn das ist einfach gar nicht möglich. Warum? Weil alle am Limit laufen. In der Chirurgie habe ich sehr, sehr oft von 6:30 - 22:00 in der Klinik gearbeitet und meine Kolleg*innen genauso. Bei der Pflege sah es auch nicht besser aus. Also ja - es sollte sich um die Patienten gekümmert werden, aber dafür bräuchte es mehr Menschen, die auch dort arbeiten, um das realisierbar zu machen. Und die gibt es nicht, ist auch kein Wunde bei den gegebenen Bedingungen. 

Naja - ich kehrte dann der Chirurgie den Rücken - zunächst, wie ich dachte. Ich wollte mich neu orientieren und meinem Bedürfnis, mich um meine Patienten auch wirklich kümmern zu dürfen, Raum geben. Daher fiel die Wahl auf Psychiatrie und durch verschiedene Rotationen hatte ich die Chance, mehrere Kliniken, Stationen und Bereiche zu sehen. 
Leider ist das Ergebnis dessen, was ich dort erlebe, eher ernüchternd. 

Ja, Psychiatrie ist ein sehr spannendes Fachgebiet und auch, wenn ich immer Stein und Bein geschworen habe, dass es das letzte Fachgebiet ist, was ich mir vorstellen könnte, muss ich gestehen, dass es mir wohl deutlich mehr liegt, als ich gedacht hätte. Ich habe Freude am Inhalt meiner Arbeit und das ist unfassbar wertvoll. 
Wo ich dachte, niemals genug Geduld aufbringen zu können und Schwierigkeiten zu haben, mich in die Menschen hinein zu versetzen, wurde ich eines besseren belehrt. Vermutlich gibt es in keinem Fachgebiet die Möglichkeit, in dem Luxus zu schwelgen, mit den Patient*innen wirklich reden zu können, zuzuhören und wahrzunehmen, was eigentlich in ihnen vorgeht. 
Aber dann kommt die Realität. 
Es gibt Fachbereiche, in denen operiert man, es gibt Fachbereiche, in denen arbeitet man mit Medikamenten, oft kommt auch beides zusammen - aber in der Psychiatrie gibt es keine Operationen - dafür jede Menge Medikamente, doch, wenn ich ehrlich bin: für mich bestand Psychiatrie immer zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Psychotherapie. 

Ich glaube daran, dass man mit Hilfe von Psychotherapie Menschen helfen kann, Dinge zu erkennen, sich selbst besser zu verstehen, das eigene Krankheitsbild wahrzunehmen und anzunehmen und zu lernen, in welcher Richtung man daran arbeiten kann. Die Medikamente oder Möglichkeiten wie zB EKT sind natürlich toll und wichtig, aber was nutzt es mir denn, wenn ich den augenblicklichen Zustand eines Patienten verbessern kann, sich an seinem Verhalten aber langfristig nichts ändert? Wenn ich nicht verstehe, wo ich besser auf mich hätte achten müssen, wenn ich nicht verstehe, was meine Frühwarnzeichen sind, ehe es mir wieder richtig schlecht geht, wenn ich nicht verstehe, warum meine Gefühle manchmal die Kontrolle übernehmen und wie ich mich dann am besten verhalten oder schützen kann - wie soll ich dann langfristig etwas ändern?
Die Theorie ist nett, klar, Akutbehandlung in der Klinik, Einstellung mit Medikamenten und dann Entlassen, sobald man sich halbwegs gefangen hat, die eigentliche Psychotherapie findet ja ambulant statt. 
Entschuldigung. 
Also mal Hand aufs Herz, wie wahrscheinlich ist es denn, dass ich halbwegs zeitnah, nach einem Klinikaufenthalt wirklich eine Psychotherapie ambulant machen kann? Und was, wenn ich dann nicht eine depressive Erkrankung habe sondern sowas wie eine Persönlichkeitsstörung? Da kann man nämlich sehr lange auf einen Therapieplatz warten, weil viele ambulante Behandler da nur wenig Lust drauf haben. Klar, es gibt richtig tolle Therapeuten, ganz sicher sogar. Aber dass es, je nach Krankheitsbild und Schweregrad, komplizierter wird, sich behandeln zu lassen, ist leider kein Geheimnis. 

Aber gut, man hat ja noch die Akutbehandlung. Da kommt ja einiges an Therapie zusammen, Ergo, Sport, Musik, was auch immer. Das ist auch super, ich will hier gar nicht das Angebot der verschiedenen Kliniken klein reden, um Himmels Willen. Aber viele dieser Angebote finden in Gruppen statt, durch Corona alles nochmal erschwert in den vergangenen eineinhalb Jahren und die Einzeltherapien? Ich persönlich - und jetzt würden einige meiner Kollegen wieder lachen und abwinken - finde das extrem wichtig. 
Ich glaube nicht, dass ich in einem Klinikaufenthalt von 4-6 Wochen (mal so über den Daumen gepeilt) in der Lage bin, mit Gesprächstherapie eine psychische Erkrankung zu heilen - das ist unmöglich. Aber ich glaube, dass man in dieser Zeit ein Verständnis dafür (die Erkrankugn) schaffen kann, Reflektieren kann, was dazu geführt hat, Strategien entwickeln kann, um mit manchen Dingen anders/besser umzugehen und einen Plan entwickeln kann, wie es später weitergeht, an wen man sich wenden kann, was man selber tun kann in der Wartezeit und wo man im Notfall schnell Hilfe bekommt. 
Erschreckenderweise muss ich immer wieder feststellen, dass dieser Bestandteil der Behandlung an vielen Stellen als sehr wenig relevant angesehen wird und mir will nicht in meinen Schädel, warum das so ist. 
Schlimmer noch finde ich, dass ärztlicherseits oft gar nicht mehr der Anspruch besteht oder gestellt wird, psychotherapeutisch zu arbeiten. 
Ich habe auf mehreren Stationen in mehreren Kliniken gearbeitet, wo für 25 Patienten oder mehr eine Psychologin in Ausbildung  mit 3-4 Tagen pro Woche und ein oder zwei ärztliche Kräfte zuständig waren (von denen meistens nur eine überhaupt therapeutisch gearbeitet hat). Meistens war es auch nur eine ärztliche Kraft, sei es durch Krankheit, Besetzungsschwierigkeiten etc. Klar, dass man mit so wenig Kapazität nicht für viel psychotherapeutisches Angebot sorgen kann, ist jetzt nicht so weit hergeholt. 
Aber die Patienten fordern (und das in meinen Augen zu recht). Die Vorgesetzten drängen zum effizienteren Arbeiten. (Wollen wir darüber reden, was das bedeutet?)
Da sehe ich mich einer Gruppe Patienten gegenüber und sehe bei nicht wenigen die Möglichkeit WIRKLICH etwas erreichen zu können und muss dann sagen "Tut mir leid, ich werde es nicht schaffen mit ihnen zu sprechen"? Wirklich? 
Und dann sehe ich teilweise dieses selbstgefällige Lächeln auf den Gesichtern von ranghöheren Kollegen, die mir (mit besonderer Vorliebe bei Persönlichkeitsstörungen) Dinge sagen wie "da kannst du therapeutisch ja sowieso nicht viel machen"?  Oder "Dafür sind wir hier nicht ausgelegt?"
Wo denn bitte dann? Auf den überfüllten Spezial-Stationen? Die sind super, ich bin ein Fan davon, aber die Wartelisten sind lang. Warum um alles in der Welt soll es nicht möglich sein, ein bisschen in die richtige Richtung zu arbeiten, damit ein Patient nach der stationären Behandlung zumindest weiß, was er eigentlich hat, wie sich das auswirkt und nach was für einer Behandlung er weiter Ausschau halten sollte? Das ist wirklich nicht unmöglich (oder ich bin eine verträumte Deppin).

Am Ende der Geschichte ist es so, dass am Ende wieder Personal fehlt. In der Pflege sowieso und bei den Ärzten genauso, auch bei den Psychologen, wobei ich ehrlich bin, dass ich nicht weiß, woran es da liegt (ein Mangel an Angebot oder ein Mangel an bereitgestellten Geldern). Ich sehe nur, dass man (in meinen Augen) viel mehr schaffen könnte, wenn nicht an allen Ecken und Enden gespart werden würde oder Stellen nicht besetzt werden könnten, weil keiner mehr Lust auf den Beruf hat. 
Aufgeben werde ich trotzdem nicht. Ich werde weiter davon träumen, irgendwann mein Eckchen im System zu finden, in dem ich mit anderen Menschen, die diese Umstände ähnlich sehen wie ich, meine idealistischen Vorstellungen zumindest ein bisschen umsetzen kann. Übrigens ist mir das schon gesagt worden "du bist zu idealistisch in deinem Beruf". Ehm.. ok. Ja. Danke dafür. (?)
Mir wurde auch schon gesagt, dass ich möglicherweise überlegen sollte, dass ich mich nicht ausreichend gut strukturiere, wenn ich es nicht schaffe, 25 Patienten zu versorgen, während der zweite Arzt, die Psychologin UND der Oberarzt über längere Zeit fehlen (bzw im Fall des OA nur sporadisch da ist)... weil ich dann leider Überstunden machen muss und auch so frech bin, anzumerken, dass ich nicht gewillt bin, dann noch Zusatzaufgaben anzunehmen. 

Aber jetzt frage ich euch: Was erwartet ihr denn von einer Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Bitte einfach mal raus mit euren Meinungen. Vielleicht stimmt es ja und ich bin völlig schief gewickelt, ich bin echt gespannt. Und wer von euch selber schon Erfahrung in dem Bereich gesammelt hat, kann auch gerne mal was in die Kommentare schreiben, mich interessiert das nämlich tatsächlich brennend. 

In diesem Sinne: eure Meinung ist absolut gefragt an dieser Stelle. 

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Veganes Leben - oder der (Alb)traum der Perfektion

Vegan - klingt für manche nach völligem Blödsinn und für andere ist es nicht nur eine Lebenseinstellung sondern beinahe eine Religion. Die einen verdrehen die Augen, weil sie mit "vegan" Menschen verbinden, die überall und ungefragt missionieren wollen und jedes Gespräch, was auch nur ansatzweise die Themen "Ernährung", "Umwelt" oder "Lebensmittelhandel" streift, an sich reißen. Die anderen feiern sich für ihren neu (oder schon alt) entdeckten Lebensweg und empfinden sich als die neue Elite unter den Menschen (mal etwas überspitzt ausgedrückt).

Aber ist das schon alles? Wo sind die ganz normalen Menschen, die sich einfach ein bisschen mehr Gedanken über verschiedene Dinge gemacht haben?

Ich lebe schon eine ganze Weile - und jetzt geht es los - "quasi-vegan" oder "teilzweit-vegan". Genau, das gibt es nicht, denn man ist entweder ein "echter" Veganer oder man ist es nicht, dann hat man sich diesen Titel, gleichbedeutend mit einem Ritterschlag, nämlich nicht verdient. Ist nicht so? Doch, leider schon.

Wenn mich jemand fragt, wie ich lebe, antworte ich "ich lebe vegan". Stimmt aber eigentlich nicht, denn ich esse Quark, selten auch mal Jogurt und ich esse Ei. Dann könnte ich ja sagen, dass ich vegetarisch leben? Hm - das ist auch schwierig. Denn ich esse nur Bio-Quark ohne Zusatzstoffe und auch nur, wenn ich ihn selber zubereitet habe und weiß, was da in das Essen alles reingekommen ist. Ich esse auch keine Produkte mit Ei. Aber ich esse die Eier von unserem Bauern, weil ich sehr genau weiß, wie die Hühner da leben (und die haben auf jeden Fall mehr Grünfläche, als ich).

Warum tausche ich nicht den normalen Quark gegen veganen aus? Ganz einfach, weil ich industriell verarbeitete Lebensmittel meide und weil veganer Quark, der halbwegs so schmeckt, wie richtiger Quark, einfach voller Müll ist, den ich nicht zu mir nehmen möchte. Da nehme ich lieber den richtigen Quark. Und ich mag Eier. Dieses ganze Geschwätz von Periodenprodukten der Hühner lässt mit ziemlich kalt und den Hühnern, die ich da regelmäßig sehe, geht es sehr gut - zumindest wirken sie in keinster Weise leidend. 

Auf alle anderen tierischen Produkte kann ich prima verzichten. 
Trotzdem darf ich mich eigentlich nicht vegan nennen. Das ist ziemlicher Unsinn in meinen Augen und eigentlich auch das einzige, was mich am vegan sein so stört.
Ich hatte bereits einen ersten veganen Versuch vor längerer Zeit. Den habe ich aufgegeben, weil mir das Gerede, die Streitereien und das Buhlen um den Preis "Bester und konsequentester Veganer aller Zeiten" so richtig auf die Nerven ging. 

Nun habe ich erlebt, dass eine Influencerin, der ich folge und die ich echt richtig gut finde, weil ihr Kanal nicht von 99% Werbung durchflutet ist, berichtete, dass sie sich ab und an mal eine Ausnahme vom veganen Essen erlaubt. 
Unter diesem Beitrag gab es eine Schlacht. Diese Frau, die sich so sehr bemüht, Natürlichkeit zu predigen, den Leuten zu vermitteln, dass man auf sein Bauchgefühl hören soll und die nicht irgendwelche Dogmen postuliert, wurde niedergemacht von lauter Elite-Veganern, die der Meinung waren, dass sie nicht das Recht habe, sich "Veganerin" zu nennen, wenn sie ein paar mal im Jahr eine Ausnahme macht. Wirklich jetzt?

Die Konsequenz war, dass sie ein Video veröffentlichte und sich entschuldigte und bekannt gab, dass sie sich von nun an nicht mehr "vegan" nennen würde. 

Ja - da haben wir ja viel erreicht. Also alle, die in Zukunft auf ihre Inhalte aufmerksam werden, werden nun deutlich weniger Inhalt finden, der ihnen zeigt: vegan ist cool und es ist ok, nicht perfekt darin zu sein. 

Die Begründung? Die Elite-Veganer sagen: Wenn du eine Ausnahme machst, ist dir das Tierwohl egal und die Umwelt und überhaupt. So ein Unsinn. Wenn ich 99% meiner Zeit und meiner Ernährung darauf achte, ist mir das ganz sicher nicht egal. 
Und jeder Mensch, der sich entscheidet zu - sagen wir 70% darauf zu achten oder auch nur 50% - der ist ein Gewinn. 
Den Tieren und der Umwelt nutzen 100 fast-Veganer, die einfach die Lebensart genießen können und ohne schlechtes Gewissen drei mal im Jahr ein Stück Käse essen, viel mehr, als 1 Super-Elite-Veganer, der damit 99 andere Menschen, die sich darüber informieren wollten, verschreckt hat mit der Einstellung "ganz oder gar nicht".

Wenn die vegan lebenden Menschen also einfach mal etwas lockerer werden würden, für sich ihre eigene Lebensweise so konsequent, wie sie es möchten, leben und anderen ihren eigenen Weg als eigene Entscheidung zu lassen, ohne dass das Label "vegan" ein Ritterschlag ist, den nur die Elite tragen darf, dann ist für Tiere, Umwelt und alles andere am Ende ganz sicher mehr gewonnen. 

Natürlich weiß ich, dass nicht alle Veganer so sind, aber leider sind es viele, die in den sozialen Medien sehr laut sind. 

Was ich mir wünsche? Mehr Veganer in den Sozialen Medien, die gesunden Menschenverstand haben und wissen, dass wir alle mehr erreichen, wenn wir nett zueinander sind und uns gegenseitig unterstützen. Ist eigentlich gar nicht so schwierig.

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