Cuirina - Constanze Spengler

Lieder und die Geschichten dahinter

 

Ein paar von euch hatten sich Lieder gewünscht, zu denen sie die Geschichte dahinter erfahren wollten und heute nehme ich mir die Zeit, diese Geschichten zu erzählen. 
Es ist für mich selber immer spannend - es ist wie ein musikalisches Tagebuch. Manchmal weiß ich, wenn ich den Titel allein lese, gar nicht mehr genau, warum ich dieses oder jenes Lied schrieb. Aber wenn ich es mir dann anhöre oder es singe, fällt mir die Situation oder die Geschichte dahinter wieder ein und das meisten auch mit allen damit verbundenen Gefühlen und Nebengeschichten, viel intensiver, als ein normales Tagebuch es sein könnte. Darum mag ich den Gedanken und wenn es noch mehr Lieder gibt, deren Geschichten ihr gerne erfahren wollt, lasst es mich einfach wissen. Das ist auch für mich eine spannende Reise. 
Ich fange einfach der Reihenfolge nach an und blättere nebenher durch den Beitrag auf meiner Facebook-Seite. (Dies wird vermutlich ein längerer Beitrag - ich hoffe, ihr bringt Geduld mit) ;-) 

Nicole fragte nach der Legende vom Eiswind und der Legende vom Feuertanz. 
In der Geschichte, in der diese beiden Lieder verankert sind, kommt zuerst die Legende vom Feuertanz. Grundsätzlich geht es in beiden Liedern um Inat Laronn und seine spätere Frau Sakaris, sprich im eine Geschichte mit dem Hintergrund der Drachenlande zur Zeit der ersten Drachenwelt. 
Inat Laronn war das Sohn des Roten Drachen. Dieser hatte seinen Sohn aber verstoßen, nachdem seine Mutter, Lauriel, bei seiner Geburt durch schwierig verflochtene Ereignisse ums Leben gekommen war. Die Hebamme brachte damals das Kind, um es zu retten, zu demjenigen, von dem sie glaubte, dass man das Kind dort am wenigsten suchen würde: dem Kupfernen Drachen. Dieser sah eine Chance darin, das Kind eines Drachen und einer Legendenweberin nach seinen Vorstellungen großzuziehen und übergab es einem seiner treuesten Diener. Dieser sorgte für eine sehr anspruchsvolle Erziehung Inat Laronns. Er lernte viele Krampftechniken, auch Magie (ja, wirklich - unter anderem auch die schwarze Sprache) und sehr viel Wissen über die verschiedensten Geheimnisse der Welt. 
Letztlich sollte er an einem Turnier teilnehmen, in dem ein Sieg eine strategisch günstige Position mit sich bringen konnte. Inat Laronn wusste damals nicht, dass er auch nur Spielfigur im Schicksalsschach der Drachen war, also tat er sein Bestes, traf aber im Rahmen des Turniers zum ersten Mal auf Sakaris und es funkte - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Legende vom Feuersturm erzählt genau davon, von den ersten Tagen in denen sich Inat Laronn und Sakaris in der Festung, wo das Turnier stattfand, begegneten und näher kamen. 
Später heirateten sie sogar und waren ein starkes, machtvolles Gespann in den Kriegen und politischen Ereignissen der Welt. 
Die Legende vom Eiswind erzählt hingegen vom Ende Sakaris. 
Es war damals so, dass Inat Laronn nicht das einzige Kind eines Drachen war. Der Schwarze Drache hatte lange davor dem Silbernen Drachen das Geheimnis der Schöpfung gestohlen und einer Frau unglaublich viel Macht versprochen, wenn sie ihm dafür half, etwas zu erschaffen. 
Die Frau ließ sich auf den Handel ein und gebar Zwillinge. Ein Kind händigte sie dem schwarzen Drachen aus und ein Kind band sie an Weltenwacht, wo der Drache es nicht finden konnte: die Kaiserin von Weltenwacht. 
Aus dem Kind, das dem schwarzen Drachen gegeben wurde, wurde eine mächtige junge Frau und diese griff sich irgendwann der Kupferne Drache, um daraus eine Waffe zu formen. Diese Waffe - Uzara - gab er Inat Laronn an die Hand, um sie in den Krieg zu führen. 
Asrakjal, der Mann, der die Frau, die zu Uzara geworden war, geliebt hatte, konnte seinen Schmerz nicht verwinden. Er durchforstete die Welt nach einer Waffe, die stark genug war, um sie für seine Pläne einzusetzen und schwor, Inat Laronn das gleiche anzutun, was er ihm angetan hatte. 
Er fand eine Waffe und tötete Sakaris mit einem Schwert aus Flüsterstahl, für dessen Wunden es keine Heilung gab. Inat Laronn war außer sich und verbannte alles, was jemals hatte fühlen können, in ein eisiges Grab in seinem Herzen und wurde zu dem kaltherzigen, unnahbaren und mitleidlosen Feldherrn, der er seitdem war. 

Für mich war diese Geschichte immer eine der Liebsten, nicht nur, weil ich das Glück habe, die Rolle der Lauriel zu spielen. 
Manchmal hat man das ja einfach, dass eine Geschichte ganz tief berührt und nicht mehr los lässt. Und damals hatte ich den beiden, die sich diese Geschichte ursprünglich einmal ausgedacht hatten versprochen, darüber zu schreiben (lange, ehe ich selbst am Hintergrund und der Welt der Drachenlande schrieb). 
Dann wollte es der Zufall so, dass Janko vom See damals eine Frau für ein Musikvideo suchte. Das Video kam nicht zustande, aber wir trafen uns einige male und auch Maria, meine beste Freundin und grandiose Musikerin, war dabei. 
Ich weiß noch, dass ich am ersten Tag dieses Wochenendes Die Legende vom Feuersturm schrieb - also den Text genauer gesagt. Abends fuhr Janko dann Maria nach hause und die beiden brüteten noch auf der Fahrt eine Melodie aus. Da der Abend und die Unterhaltungen von Musical-Gedanken geprägt waren, bekam die Melodie auch ganz leichte Musical-Noten (was ich liebte). Ich liebe übrigens auch bis heute Jankos Stimme in beiden Liedern und es bricht mir bis heute das Herz, dass es danach nie wieder zu einer Zusammenarbeit kam. Er ist ein phantastischer Musiker. 
Wir nahmen also das eine Lied auf und machten uns dann an das zweite. Ich schrieb den Text, die beiden halfen mir, ihn ein bisschen zurecht zu schleifen und tatsächlich weiß ich nicht mehr so genau, wer die Melodie letztlich schrieb, ich glaube aber, sie geht auch auf Jankos Konto. Er spielt auch die Gitarre - so schön wie er kann ich das gar nicht. 
Und dann nahmen wir das zweite Lied auf. Himmel - es war so spät abends und er hat so laut gesungen, ich hatte wirklich Angst, die Nachbarn stehen gleich vor der Tür. Und bis heute sind das zwei meiner allerliebsten Lieder und ich würde sie SO gern nochmal aufnehmen, aber dafür bräuchte ich eine starke, männliche Stimme, die sich das zutraut und richtig viel Lust darauf hat. Wenn sich also jemand berufen fühlt, Inat Laronn zu singen: Melde dich bei mir! (bitte)

 

Gehen wir zum nächsten Song, da geht es ein bisschen ans Eingemachte. Brita-Kara hat sich die Geschichte hinter "Feuerengel" gewünscht:
Tja - wo fange ich da an? 
Ich habe damals einen Mann kennen gelernt, der sehr darum bemüht war, mich für sich zu begeistern (ich war nämlich am Anfang gar nicht so begeistert). Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass er nicht recht gut wusste, wie man eine Frau bezirzen kann. Sein Beruf war es, Ritterturniere auf großen Mittelaltermärkten zu organisieren und auch selber zu reiten. Er war meisten der böse schwarze Ritter hoch zu Ross, der bad boy auf den wir Mädels ja viel zu oft viel zu sehr stehen, weil wir glauben, dass er eigentlich ein gutes Wesen hat, das man nur freilegen muss .. ja, Stoff zahlreicher Serien, Bücher, Filme und.. Turniere. 
Das ganze ging etwa ein Jahr und er war an den Wochenenden meistens auf den Märkten mit seinen Pferden und seinen Mitstreitern. 
Irgendwann, als es auf die neue Saison zuging, hing es plötzlich am seidenen Faden, ob er bei seinem Hauptauftragsgeber weiter beschäftigt sein würde. Ich weiß nicht mehr genau, was damals eigentlich war, ob die zwei sich gestritten hatten oder der Veranstalter einfach eine andere Gruppe haben wollte, das ist zu lange her. Aber die ganze Gruppe hing daran und ich wollte helfen. 
Damals ging es, wenn ich mich richtig erinnere, um eine Unterschriften-Aktion zur Rettung der Gruppe und ihrer Pferde, die auf die Einnahmen der Saison angewiesen waren und ich beteiligte mich mit einem Lied, dass ich vorerst exklusiv denen zur Verfügung stellte, die sich an den Unterschriften beteiligten (so in der Art war das glaub ich). Außerdem kam dann plötzlich noch ein Radio-Interview von mir dazu usw. 
Das Lied sollte die wirklich schöne Abend/Nachtshow beschreiben, die diese Rittergruppe auf den Märkte aufführte, wenn es dunkel wurde. Da war viel Feuer im Einsatz, auch Flügel aus Feuer, die mein damaliger Freund trug und aus den wunderschönen Bildern, die diese Show malte, hatte ich ein Lied gebastelt, im Grunde erzählt das Lied also von den Phantasien, die mein Kopf dazu gemalt hat und ich habe versucht, so nah wie möglich an der Show zu bleiben. 
Was niemand wusste war, dass mitten in dieser ganzen Aktion diese Beziehung zwischen mir und ihm in die Brüche ging, weil ich damals etwas über ihn erfahren hatte, was mich sofort zum klaren Rückzug bewegte. Das war ziemlich traumatisch und gruselig, aber letztlich ging es ja nicht nur um ihn, sondern um die ganze Gruppe und auch um die Tiere. 
Ich habe also die Aktion zu Ende geführt, habe auch das Interview gemacht (wenn auch an einigen Stellen mit schwer zusammengebissenen Zähnen) und war dann froh, als der ganze Spuk vorbei war. 
Das Lied mag ich trotzdem. Es erzählt eine Geschichte, die ich schön finde und deren Bilder mir gefallen haben und ich weiß, dass dieses Lied damals auch noch bei der Show gespielt wurde, aber ich habe mich dann sehr schnell davon distanziert. Das Leben schreibt schon manchmal komische Geschichten, oder?

 

Der nächste Wunsch kam von Sarah und fragte nach dem Hintergrund der Samidha Lieder:
Ja - ach ja, damals. Das war zu den Zeiten, zu denen der Larphof noch aktiv war und das waren wirklich sehr schöne und besondere Zeiten. 
Ich hatte damals sehr viel und intensives Spiel mit dem Veranstalter - vermutlich weil wir beide einen gewissen Hang zu tragisch-dramatischen Geschichten hatten. Und ich glaube, mit dem allerersten Samidha-Lied wollte ich ihm einen kleinen, freundschaftlichen Stich versetzen, also schrieb ich von der unerfüllten Liebe einer jungen Frau zu einem Inquisitor, dem sie das Leben rettete wofür sie letztlich ihr eigenes Leben opfern musste, weil sie unter den Verdacht geriet, eine Hexe zu sein. Ich war eigentlich gemein, denn ich wollte eine Geschichte schreiben, mit der ich ihn wirklich ins Herz treffen konnte und ich glaube, das ist mir auch so halbwegs gelungen. 
Ich kann mich auch erinnern, wann, wo und wie ich es ihm zum ersten mal vorsang - er selbst spielte ja einen Inquisitor. Das war schon schön damals. 
Naja und dann hatte er irgendwann Geburtstag und seine Freunde hatten sich überlegt, dass auf dem Con, auf dem er Geburtstag hatte, etwas besonderes passieren sollte. Er sollte von seinem Drachen träumen, der ihn vor verschiedene Aufgaben stellte. Da war alles mögliche dabei und wir hatten alle zusammen wirklich einen wahnsinnigen Spaß dabei, das alles auszuhecken. Eine Aufgabe dabei war es, sich in bestimmten Situationen seiner Vergangenheit wiederzufinden und sich seinen Taten zu stellen. 
So kam es eben auch, dass er sich Samidha stellen musste. Die Rolle stellte freundlicherweise meine liebe Freundin Maria dar, die neben ihrer musikalischen Gabe auch eine begnadete Schauspielerin ist. Wir schminkten ihr also wirklich gruselige Brandwunden überall hin und er musste sich ihr gegenüber verantworten und erfuhr so zum ersten mal, dass die Geschichte für ihn tatsächlich wahr war. 
Irgendwie hatte es Maria und mich dann gepackt und wir haben weiter an der Geschichte gebastelt. Samidha, die ihren Körper verkaufen musste, um ihre schwerkranke Mutter zu pflegen und wir erfanden auch noch Samidhas Schwester mit dazu, die voller Hass und Zorn zurückgeblieben ist. Irgendwie hoffe ich ja, dass wir irgendwann nochmal dazu kommen, die Geschichte weiter zu basteln.


Ich glaube, das war es schon. Mehr Lieder wurden nicht genannt. Wenn ihr noch Fragen habt oder euch noch mehr Lied-Hintergründe wünscht, schreibt es mir doch einfach hier in die Kommentare. Ich antworte auch ganz sicher :-)

Liebe Grüße und euch allen einen guten Start in die Woche <3

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Psychiatrie, Medizin und Politik

Ich bin ehrlicherweise gar nicht so sicher, ob ich diesen Beitrag schreiben sollte. Ich bin aber auch ehrlich, wenn ich sage, dass er mir massiv unter den Nägeln brennt. 

Dass das Gesundheitssystem wenig Raum für den Menschen an sich hat, ist jetzt vermutlich nicht unbedingt die brandneue Schlagzeile. Wer mich kennt, weiß, dass ich das erste Jahr meiner Zeit als Ärztin in der Chirurgie verbrachte. 
Tolles Fachgebiet - ich habe es geliebt, zumindest den medizinischen Teil davon. Aber ich habe es nicht gut ausgehalten, wie dort teilweise mit Menschen umgegangen wurde. Dass Chirurgen nicht unbedingt für ihre Empathie und ihre Engelsgeduld in sozialen Interaktionen bekannt sind, ist jetzt nichts Neues - wobei ich da tatsächlich auch gute Gegenbeispiele kennen lernen konnte, wenngleich diese leider in der Unterzahl waren. Letztlich war es aber erschreckend, und das betrifft nicht nur die Chirurgie, wie sehr erwartet wird, dass eine körperliche Erkrankung einfach akzeptiert und geschluckt wird (ich komme noch zum eigentlich Titelinhalt, versprochen).

Ich fragte mich damals, wie man davon ausgehen kann, dass ein Mensch, der wochen- oder monatelang mit einer riesigen offenen Bauchwunde ans Bett gefesselt ist, ohne psychische Schäden aus der Sache wieder raus geht. (Ich bin ganz sicher, es lassen sich entsprechende Situationen für andere Fachgebiete finden)
Dass die Psyche auf diese massive Belastung reagiert, ist doch nur logisch. Klar, der eine steckt es besser weg als der andere, aber wirkliche Betreuung im Umgang mit erfahrenem Leid, habe ich tatsächlich nur in der Onkologie erlebt, wo es den psycho-onkologischen Dienst gab. Klar, man konnte ein psychiatrisches Konsil anmelden, aber das beinhaltete dann 10 min Abklärung, Medikation und tschüss. 
Mit meinem heutigen Wissen im Gebiet der Psychiatrie ist mir klar, dass wir nicht unerheblich viele Patienten mit schwerster, depressiver Symptomatik hatten, die dahingehend nicht gesehen, nicht behandelt und letztlich nicht einmal wahrgenommen wurden. 

Versteht mich nicht falsch - ich sage nicht, dass sich die Ärzte und die Pflege da auch noch drum kümmern sollten, denn das ist einfach gar nicht möglich. Warum? Weil alle am Limit laufen. In der Chirurgie habe ich sehr, sehr oft von 6:30 - 22:00 in der Klinik gearbeitet und meine Kolleg*innen genauso. Bei der Pflege sah es auch nicht besser aus. Also ja - es sollte sich um die Patienten gekümmert werden, aber dafür bräuchte es mehr Menschen, die auch dort arbeiten, um das realisierbar zu machen. Und die gibt es nicht, ist auch kein Wunde bei den gegebenen Bedingungen. 

Naja - ich kehrte dann der Chirurgie den Rücken - zunächst, wie ich dachte. Ich wollte mich neu orientieren und meinem Bedürfnis, mich um meine Patienten auch wirklich kümmern zu dürfen, Raum geben. Daher fiel die Wahl auf Psychiatrie und durch verschiedene Rotationen hatte ich die Chance, mehrere Kliniken, Stationen und Bereiche zu sehen. 
Leider ist das Ergebnis dessen, was ich dort erlebe, eher ernüchternd. 

Ja, Psychiatrie ist ein sehr spannendes Fachgebiet und auch, wenn ich immer Stein und Bein geschworen habe, dass es das letzte Fachgebiet ist, was ich mir vorstellen könnte, muss ich gestehen, dass es mir wohl deutlich mehr liegt, als ich gedacht hätte. Ich habe Freude am Inhalt meiner Arbeit und das ist unfassbar wertvoll. 
Wo ich dachte, niemals genug Geduld aufbringen zu können und Schwierigkeiten zu haben, mich in die Menschen hinein zu versetzen, wurde ich eines besseren belehrt. Vermutlich gibt es in keinem Fachgebiet die Möglichkeit, in dem Luxus zu schwelgen, mit den Patient*innen wirklich reden zu können, zuzuhören und wahrzunehmen, was eigentlich in ihnen vorgeht. 
Aber dann kommt die Realität. 
Es gibt Fachbereiche, in denen operiert man, es gibt Fachbereiche, in denen arbeitet man mit Medikamenten, oft kommt auch beides zusammen - aber in der Psychiatrie gibt es keine Operationen - dafür jede Menge Medikamente, doch, wenn ich ehrlich bin: für mich bestand Psychiatrie immer zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Psychotherapie. 

Ich glaube daran, dass man mit Hilfe von Psychotherapie Menschen helfen kann, Dinge zu erkennen, sich selbst besser zu verstehen, das eigene Krankheitsbild wahrzunehmen und anzunehmen und zu lernen, in welcher Richtung man daran arbeiten kann. Die Medikamente oder Möglichkeiten wie zB EKT sind natürlich toll und wichtig, aber was nutzt es mir denn, wenn ich den augenblicklichen Zustand eines Patienten verbessern kann, sich an seinem Verhalten aber langfristig nichts ändert? Wenn ich nicht verstehe, wo ich besser auf mich hätte achten müssen, wenn ich nicht verstehe, was meine Frühwarnzeichen sind, ehe es mir wieder richtig schlecht geht, wenn ich nicht verstehe, warum meine Gefühle manchmal die Kontrolle übernehmen und wie ich mich dann am besten verhalten oder schützen kann - wie soll ich dann langfristig etwas ändern?
Die Theorie ist nett, klar, Akutbehandlung in der Klinik, Einstellung mit Medikamenten und dann Entlassen, sobald man sich halbwegs gefangen hat, die eigentliche Psychotherapie findet ja ambulant statt. 
Entschuldigung. 
Also mal Hand aufs Herz, wie wahrscheinlich ist es denn, dass ich halbwegs zeitnah, nach einem Klinikaufenthalt wirklich eine Psychotherapie ambulant machen kann? Und was, wenn ich dann nicht eine depressive Erkrankung habe sondern sowas wie eine Persönlichkeitsstörung? Da kann man nämlich sehr lange auf einen Therapieplatz warten, weil viele ambulante Behandler da nur wenig Lust drauf haben. Klar, es gibt richtig tolle Therapeuten, ganz sicher sogar. Aber dass es, je nach Krankheitsbild und Schweregrad, komplizierter wird, sich behandeln zu lassen, ist leider kein Geheimnis. 

Aber gut, man hat ja noch die Akutbehandlung. Da kommt ja einiges an Therapie zusammen, Ergo, Sport, Musik, was auch immer. Das ist auch super, ich will hier gar nicht das Angebot der verschiedenen Kliniken klein reden, um Himmels Willen. Aber viele dieser Angebote finden in Gruppen statt, durch Corona alles nochmal erschwert in den vergangenen eineinhalb Jahren und die Einzeltherapien? Ich persönlich - und jetzt würden einige meiner Kollegen wieder lachen und abwinken - finde das extrem wichtig. 
Ich glaube nicht, dass ich in einem Klinikaufenthalt von 4-6 Wochen (mal so über den Daumen gepeilt) in der Lage bin, mit Gesprächstherapie eine psychische Erkrankung zu heilen - das ist unmöglich. Aber ich glaube, dass man in dieser Zeit ein Verständnis dafür (die Erkrankugn) schaffen kann, Reflektieren kann, was dazu geführt hat, Strategien entwickeln kann, um mit manchen Dingen anders/besser umzugehen und einen Plan entwickeln kann, wie es später weitergeht, an wen man sich wenden kann, was man selber tun kann in der Wartezeit und wo man im Notfall schnell Hilfe bekommt. 
Erschreckenderweise muss ich immer wieder feststellen, dass dieser Bestandteil der Behandlung an vielen Stellen als sehr wenig relevant angesehen wird und mir will nicht in meinen Schädel, warum das so ist. 
Schlimmer noch finde ich, dass ärztlicherseits oft gar nicht mehr der Anspruch besteht oder gestellt wird, psychotherapeutisch zu arbeiten. 
Ich habe auf mehreren Stationen in mehreren Kliniken gearbeitet, wo für 25 Patienten oder mehr eine Psychologin in Ausbildung  mit 3-4 Tagen pro Woche und ein oder zwei ärztliche Kräfte zuständig waren (von denen meistens nur eine überhaupt therapeutisch gearbeitet hat). Meistens war es auch nur eine ärztliche Kraft, sei es durch Krankheit, Besetzungsschwierigkeiten etc. Klar, dass man mit so wenig Kapazität nicht für viel psychotherapeutisches Angebot sorgen kann, ist jetzt nicht so weit hergeholt. 
Aber die Patienten fordern (und das in meinen Augen zu recht). Die Vorgesetzten drängen zum effizienteren Arbeiten. (Wollen wir darüber reden, was das bedeutet?)
Da sehe ich mich einer Gruppe Patienten gegenüber und sehe bei nicht wenigen die Möglichkeit WIRKLICH etwas erreichen zu können und muss dann sagen "Tut mir leid, ich werde es nicht schaffen mit ihnen zu sprechen"? Wirklich? 
Und dann sehe ich teilweise dieses selbstgefällige Lächeln auf den Gesichtern von ranghöheren Kollegen, die mir (mit besonderer Vorliebe bei Persönlichkeitsstörungen) Dinge sagen wie "da kannst du therapeutisch ja sowieso nicht viel machen"?  Oder "Dafür sind wir hier nicht ausgelegt?"
Wo denn bitte dann? Auf den überfüllten Spezial-Stationen? Die sind super, ich bin ein Fan davon, aber die Wartelisten sind lang. Warum um alles in der Welt soll es nicht möglich sein, ein bisschen in die richtige Richtung zu arbeiten, damit ein Patient nach der stationären Behandlung zumindest weiß, was er eigentlich hat, wie sich das auswirkt und nach was für einer Behandlung er weiter Ausschau halten sollte? Das ist wirklich nicht unmöglich (oder ich bin eine verträumte Deppin).

Am Ende der Geschichte ist es so, dass am Ende wieder Personal fehlt. In der Pflege sowieso und bei den Ärzten genauso, auch bei den Psychologen, wobei ich ehrlich bin, dass ich nicht weiß, woran es da liegt (ein Mangel an Angebot oder ein Mangel an bereitgestellten Geldern). Ich sehe nur, dass man (in meinen Augen) viel mehr schaffen könnte, wenn nicht an allen Ecken und Enden gespart werden würde oder Stellen nicht besetzt werden könnten, weil keiner mehr Lust auf den Beruf hat. 
Aufgeben werde ich trotzdem nicht. Ich werde weiter davon träumen, irgendwann mein Eckchen im System zu finden, in dem ich mit anderen Menschen, die diese Umstände ähnlich sehen wie ich, meine idealistischen Vorstellungen zumindest ein bisschen umsetzen kann. Übrigens ist mir das schon gesagt worden "du bist zu idealistisch in deinem Beruf". Ehm.. ok. Ja. Danke dafür. (?)
Mir wurde auch schon gesagt, dass ich möglicherweise überlegen sollte, dass ich mich nicht ausreichend gut strukturiere, wenn ich es nicht schaffe, 25 Patienten zu versorgen, während der zweite Arzt, die Psychologin UND der Oberarzt über längere Zeit fehlen (bzw im Fall des OA nur sporadisch da ist)... weil ich dann leider Überstunden machen muss und auch so frech bin, anzumerken, dass ich nicht gewillt bin, dann noch Zusatzaufgaben anzunehmen. 

Aber jetzt frage ich euch: Was erwartet ihr denn von einer Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Bitte einfach mal raus mit euren Meinungen. Vielleicht stimmt es ja und ich bin völlig schief gewickelt, ich bin echt gespannt. Und wer von euch selber schon Erfahrung in dem Bereich gesammelt hat, kann auch gerne mal was in die Kommentare schreiben, mich interessiert das nämlich tatsächlich brennend. 

In diesem Sinne: eure Meinung ist absolut gefragt an dieser Stelle. 

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