Im Spiegel des Zorns

Fantasy

 

1 - Im Spiegel des Zorns

Kapitel 1 – Die goldene Stadt

Die Sonne brannte mit unsäglicher Hitze vom Himmel hinab auf die goldenen Dächer Al’Bajaars und ließ sie im Licht aufleuchten.
Wie ein funkelndes Juwel lag die Stadt inmitten der Dünen einer schier unendlich wirkenden Wüste, welche nur im Norden durch eine Gebirgskette begrenzt wurde, hinter der das weite Meer lag.
Lauriel lächelte, klopfte sich etwas Sand und Staub von dem hellen, leichten Gewand, welches sie, wann immer sie Osarien besuchte, der schweren Rüstung und den wärmenden Stoffen Fallcons vorzog und ließ sich auf einem der Korbsitze auf dem kleinen Platz nieder.
Überall roch es nach Blumen, nach Gewürzen, Tee, Süßwaren und der duftenden Schwere der Wüste. Musik klang aus mehreren Richtungen zu ihr hin und die Gesichter der Menschen um sie herum wirkten fröhlich und unbeschwert.
Hier war der Krieg fern, hier waren Leid, Verlust und Tod noch nicht angekommen. Sie atmete tief ein und aus und sog jeden Augenblick dieser Unbeschwertheit in sich auf.
Sie war hierhergekommen, um dem Sultan eine Bitte zu erfüllen. Wie so oft, hatte er sie rufen lassen, wenn einer seiner Söhne erkrankt war, weil er seinen Ärzten nicht genug Vertrauen schenkte, um sie an seinem Fleisch und Blut arbeiten zu lassen. Doch Lauriel war dankbar gewesen, dem Krieg, so sehr sie eine gute Schlacht schätzte, für einige Zeit entkommen zu können.
Zu viele Jahrzehnte nicht enden wollender Kämpfe und Verhandlungen waren auch an ihr nicht spurlos vorüber gegangen.
Lauriel schüttelte den Kopf und griff nach dem goldverzierten Teeglas, das ihr angeboten wurde, nippte daran und verscheuchte all die Gedanken an ihre Heimat und das, was dort auf sie wartete.
„Der beste Tee in Al’Bajaar, nicht wahr?“
Ein Schatten hatte sich über sie gelegt und Lauriel blickte hinauf.
Ein wahrer Hühne hatte sich über ihr aufgebaut und sah auf sie hinab. Seine Augen waren tiefblau und das helle Haar reichte seinen Rücken weit hinab. Er war gehüllt in einfache Kleidung aus Leinen und Leder und grinste wie ein kleiner Junge, als er fragte: „Darf ich?“
Er wartete die Antwort nicht ab, sondern ließ sich neben ihr nieder, lehnte sich gegen die Hauswand aus reinem Alabaster und legte die Füße auf einen der Sitze.
„Nehmt ruhig Platz“, entgegnete Lauriel trocken mit hochgezogenen Brauen und wandte sich wieder ihrem Teeglas zu, als sein Ellenbogen in die Seite traf.
„Na, na.. nicht so ernst. Man sollte den Frieden dieses Landes genießen, so lange es geht.“
Mit diesen Worten griff er ebenfalls nach einem Teeglas, das ihm dargeboten wurde, kaum dass er sich niedergelassen hatte und zwinkerte ihr zu.
Lauriel runzelte die Stirn.
Er war eindeutig nicht von hier und wirkte doch so offen und entspannt, als gäbe es jenseits des Meeres keinen Krieg. Alles an ihm strahlte Freude und Offenheit aus.
„Ihr seid sicher von weit her, nicht wahr?“ Er grinste breit und nickte.
„Weit genug, um hier nicht darüber nachdenken zu wollen.“
Eine Kolonne Musiker zog vorbei und Kinder tanzten begeistert um sie herum. Lauriel zögerte einen Augenblick, musterte den Mann, dann wieder die Straße mit all den Menschen, die ihrem Tagewerk nachgingen und entspannte sich schließlich.
„Ihr habt Recht.“
Mit diesem Satz war alles gesagt und er dankte es ihr mit einem herzhaften Lachen, das ihr bis tief ins Mark ging.
Sie begannen sich zu unterhalten, über die tanzenden Kinder, das Fest des Vorabends zu Ehren des Goldenen Drachen, über die Kräuter und Stoffhändler auf dem Markt und über die Köstlichkeiten Osariens, die man hier an jeder Ecke kaufen konnte.
Zum ersten Mal seit Jahren, das wurde ihr in diesem Moment klar, sah jemand in ihr nicht die Legendenweberin, Gefährtin eines Drachen, Heerführerin oder sonst etwas anderes, als einfach eine Frau in einer Stadt, die den Tag genoss und eine Tasse Tee trank.
Sie lachte und seine Augen blitzten.
„Was gibt es zu lachen?“
Ihr Blick tauchte in seinen und sie hob die Schultern.
„Der Tag ist sorgenfrei und die Stadt leuchtet vor Lebensfreude, welchen Grund hätte ich, nicht zu lachen?“
Er grinste und sprang auf, ließ ein paar Münzen auf den kleinen Tisch fallen und zog sie mit einer raschen Bewegung zu sich.
„Was..?“
„Komm, ich zeige dir, wo es das beste Balklava der Stadt gibt.“
Lauriel schüttelte den Kopf und versuchte sich – vergeblich – aus seinem Griff zu befreien.
„Du hast mit Sicherheit nicht die geringste Ahnung, denn das beste Baklava Al’Bajaars bekommt man nur als geladener Gast, aber ich lasse mich gerne überraschen.“
Mit hastigen Schritten eilten sie fort von der breiten Straße in die kleinen Gassen mit ihren zahllosen Läden und die ganze Zeit ließ er sie dabei nicht los.
„Wie heißt du?“, fragte er und sah sie an.
Lauriel schluckte. Wie sehr genoss sie es in diesem Moment, nicht die zu sein, die sie war sondern einfach nur irgendjemand, den niemand kannte.
Kurz dachte sie darüber nach, was geschehen würde, wenn sie ihm mit einer Lüge antwortete, war doch die Gabe des Goldenen Drachen an die Legendenweber gewesen, dass sie nicht in der Lage sind zu lügen, doch rasch verwarf sie den Gedanken wieder, es auszuprobieren.
„Man nennt mich Shadia.“
Es war nicht gelogen. Shadia war ihr Titel in Osarien, verliehen vom Sultan selbst und bedeutete nichts anderes als Sängerin.
Er hielt inne und tauchte in ihren Blick.
„Shadia.. ein schöner Name“.
Sie lächelte und sah in seinen tiefen, blauen Augen, dass er darauf wartete, dass auch sie ihn nach seinem Namen fragte. Doch sie wollte ihn nicht wissen. Sie wollte gar nichts von ihm wissen, was die Illusion der Unbeschwertheit hätte zerstören können und so zog sie ihn mit sich und deutete auf ein kleines Geschäft am Ende der Gasse.
„Sieh mal, falls du jemals wieder Fleisch braten willst, solltest du dort das Gewürz dafür kaufen.“
So vergingen die Stunden mit dem Lauf der Sonne und sie stürmten durch die halbe Stadt, kosteten Süßigkeiten, tranken gekühlte Getränke aus gesalzener und mit Kräutern versetzter Milch und sprachen über die Musik, die Tänzerinnen, die ab und an die Musiker begleiteten und sahen sogar einmal kurz im Tempel des Goldenen Drachen vorbei um, wie es sich gehörte, eine Blume an der riesigen, goldschimmernden Statue des Drachen niederzulegen.
Als die Sonne sich dem Horizont nährte, verließen sie die Stadt und gingen ein Stück weit in die Dünen hinein, deren Sand von der Hitze des Tages noch glühte.
Ein leichter Wind kam auf und der würzigsüße Duft, der über allem hier lag, wurde von einer salzigen Kühle durchsetzt, die vom Meer herbeiwehte. Unbeschwert und frei ließen sie sich auf einem Felsen nieder und zum Himmel blickend, an dem die ersten Sterne sichtbar wurden, erzählte sie ihm die Geschichte von den Engeln des Silbernen Drachen, warum die Sterne, im Gegensatz zum Mond, keinen Schatten trugen und warum Ashant vom Firmament des Himmels verstoßen worden war.
Irgendwann herrschte Schweigen und sie sahen sich nur noch an. Er lächelte und nahm ihre Hände in seine, mit den Daumen über ihre Handrücken streichend.
„Wenn ich in deine Augen sehe, ist es, als läge in diesem Dunkel die Weisheit einer ganzen Welt.“
Eine tiefe Furche bildete sich auf ihrer Stirn als sie ihn ansah und bemerkte, wie sich sein Gesicht dem ihren langsam näherte. Da war so viel Freude und Unbeschwertheit in seinem Blick, so viel Leben, das er ausstrahlte – sie hatte vollkommen vergessen, welche Wirkung sie auf ihn haben musste und wie nah er mit seinem Gefühl an der Wahrheit lag.
„Verzeih..“, sagte sie und erhob sich, einige Schritte vor ihm zurückweichend.
Ein Schatten legte sich über seinen Blick, der für einen kurzen Moment schmal wurde. Es schien, als sei er es nicht gewohnt, nicht das zu bekommen, was er haben wollte und als würde er dies auch nicht dulden wollen.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“
Lauriel zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. Alles war falsch. Sie durfte nicht hier sein und sie sollte sich von Menschen fern halten, die nicht wussten, was es bedeutete, sich zu lange in der Nähe einer Legendenweberin aufzuhalten.
„Es ist nur.. ich bin müde. Morgen erwartet mich ein Tag voller Pflichten und ich sollte etwas Schlaf finden, um diesen auch gerecht zu werden.“
Er trat nah zu ihr und griff sanft aber bestimmt nach ihrem Arm.
„Ich will nicht, dass du jetzt gehst, Sahdia.“
Das Lächeln wurde gequält, als sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden und etwas Abstand zwischen sie zu bringen.
„Aber.. wenn ich dir verspreche, dass wir uns wiedersehen..?“
Eine eisige Hand griff nach ihrem Herzen, als sie sich darüber klar wurde, was sie gerade gesagt hatte. Sie konnte kein Versprechen geben, das sie nicht hielt – was für eine Bedeutung würde das also haben?
Er hingegen schien sich deutlich zu entspannen und auch das Lächeln kehrte auf seine schön geschwungenen Lippen zurück.
„Versprichst du es?“
Ihre Stimme fühlte sich rau und spröde an, als sie antwortete.
„Ja..“
Er betrachtete sie in dem milden Licht des Mondes, der mittlerweile hoch am Himmel stand und strich ihr eine ihrer blonden Strähnen, die sich gelöst hatten, aus dem Gesicht.
„Gut – dann werde ich die eine Nacht wohl warten können, Shadia.“
Sie nickte und wandte sich ab, einen tiefen Atemzug nehmend und versuchend, die Tragweite dessen, was hier gesagt worden war, zu verdrängen.
„Bis dann..“, sagte sie, bereits im Gehen den Toren der Stadt zugewandt.
„Frag einfach im Shari’ba nach Alkanas, dann findest du mich.“
Lauriel ging weiter, Schritt für Schritt, während ihre Hände zu zittern begannen und die eisige Klaue, die sie eben schon gespürt hatte, ihre Kehle zudrückte.
Alkanas? Der, der seit so langer Zeit das Heer der Grünen gegen sie in die Schlacht führte? Der, der den Krieg überhaupt erst heraufbeschworen hatte? König der Jagd? Streiter des Grünen Drachen?
Sie versuchte sich zu erinnern, doch jedes Bild, das sie von ihm in ihre Gedanken rufen konnte, zeigte ihn mit dem Schädel eines Säbelzahntigers auf dem Kopf, der einen Teil seines Gesichts verdeckte. Hatte sie ihn deswegen nicht erkannt?
Ihre Schritte wurden hastiger je näher sie der Stadt kam, keinen Blick zurückwerfend, als könne er sie jetzt, auf die letzten Augenblicke doch noch als die Feindin erkennen, gegen die er schon zahllose male auf dem Schlachtfeld seine Truppen entsandt hatte.
„Wir werden uns wiedersehen.. früher oder später..“ murmelte sie vor sich hin und eilte mit raschen Schritten zu ihrer Unterkunft um noch in der gleichen Nacht Al’Bajaar zu verlassen.
Weit hinter ihr wartete Alkanas in den Dünen der Wüste, ihr nachblickend mit einem Lächeln auf den Lippen. Doch in seinen Augen spiegelte sich noch etwas anderes. Der Jäger in ihm war erwacht und dieser hatte beschlossen, sie wiederzusehen – bald.

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