3 - Im Spiegel des Zorns

Kapitel 3 - Schmerz
Langsam gingen sie zum Wasser hinab.
Die sanften Wellen plätscherten am Ufer und die Pflanzen rund um den See verströmten einen süßlich-würzigen Duft.
Das Licht war ein Wechselspiel zwischen dem kalten Glitzern der Sterne und dem lichten Blau der Morgendämmerung, kurz bevor das erste Rot sich über den Himmel legt.
Alkanas ergriff ihre Hand, als wäre es selbstverständlich und sie ließ es geschehen, die Gedanken gefangen in einem nicht enden wollenden Tanz, der wie ein Sturm in ihr wütete.
„Shadia..“, murmelte er.
Lauriel hingegen sagte nichts. Jedes Wort erschien ihr falsch und tief in sich klang die ruhige und etwas schnippische Stimme von Detarius, ihrem ältesten und besten Freund:
„Natürlich könntest du weiter dort bleiben, aber das wäre selbst für dich völlig wahnsinnig, also um aller Drachen willen – nimm ihm seine Erinnerungen an dich – und – geh!“
Sie wusste, dass er genau das sagen würde, wenn er jetzt hier wäre – aber er war es nicht und sie brachte es nicht über sich.
Sie sah zu dem Mann neben sich und dachte an die unbeschwerten und schönen Stunden, die sie geteilt hatten.
Das wollte sie nicht zerstören. Sie wollte es ihm so wenig nehmen wie sich selbst.
Alkanas tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken: „Sag – was weißt du über den Krieg jenseits des Meeres?“ Lauriel blinzelte und zog die Brauen zusammen.
„Der Himmel zeigt uns die schönsten Farben, die er zu bieten hat“, sie deutete mit dem Kinn auf den gerade eben emporkletternden Schleier von Rot, der über dem Osten der Wüste emporkam.
„Und du willst über Krieg reden?“
Er blieb stehen und sah in ihre dunklen Augen. Dann hob er die Hand und strich einige ihrer hellblonden Strähnen, die sich unter dem Schleier gelöst hatten, aus ihrem Gesicht.
„Du bist nicht von hier und doch scheinst du dich hier gut auszukennen. Mich interessiert nur, was du von dem weißt, was jenseits dieser Wüste und des Meeres geschieht.“
Lauriel tauchte für Augenblicke tief in das Blau seiner Augen und lächelte unwillkürlich. Dann senkte sie den Blick und versuchte zu überlegen, wie sie auf seine Frage antworten sollte, ohne sich zu verraten und ohne zu lügen.
Eine Weile lag Schweigen zwischen ihnen. Dann seufzte sie und begann leise und zögerlich zu sprechen, jedes Wort überdenkend und abwägend.
„Nun.. mir wurde erzählt, dass… es Unstimmigkeiten gab, zwischen Streitern des Roten und des
Grünen Drachen. Dass es dabei um .. die Achtung vor dem Weg des Lebens ging und.. dass.. durch ein .. .. Unglück zu Beginn dieses Zeitalters, ein Krieg entfesselt wurde, der seither kein Ende genommen hat.“
Sie sagte nicht, dass die Roten Streiter von Haus Nirakis, die damals auf die Truppe Grüner getroffen waren, mit ihren Zaubern deren Zorn erweckt hatten. Haus Nirakis wurde in Fallacon, dem Land des Roten Drachen nur geduldet und ihre Experimente an gefallenen Kriegern, die sie noch ein letztes Mal in die Schlacht schickten, stieß auch unter den Roten auf Widerwillen.
Sie sagte auch nicht, dass sie wusste, dass damals, vor so zahllosen Jahren, Alkanas, der bei jener Gruppe Grüner war, seine Frau verlor – zweimal – denn nach ihrem Tod, hatten die Nirakis-Magier sie wieder aufstehen und gegen die Grünen kämpfen lassen, so dass Alkanas gezwungen war, seine eigene Frau zu töten.
An jenem Tag war der, bis dahin vor sich hin schwelende Konflikt, zu einem Krieg herangewachsen, der das Land verwüstete und die Menschen, die zwischen seine Fronten gerieten, ins Unglück stürzte.
Alkanas hob einen Finger an ihr Kinn und drängte sie so mit sanfter Gewalt, ihm wieder in die Augen zu sehen.
„Ja, es stimmt, was man dir erzählt hat. Und doch war es so viel mehr, was diesen Krieg auslöste.“ Ein Schatten huschte kurz über seinen Blick, der sich kurz danach wieder klärte.
Die Weite in Lauriels dunklen Augen schien seinem Gemüt Ruhe und Frieden zu bringen und die düsteren Gedanken einfach zu verscheuchen.
„Es ist gut“, sagte er „lass uns nicht über den Krieg reden.“ Lauriel atmete auf.
„Doch eine letzte Frage habe ich.“ Sie lächelte – versuchte es zumindest.
„Ja?“
„Welchem Drachen folgst du, Shadia?“
In ihren Ohren hallte es schmerzlich. Hatte er diese Frage wirklich gestellt?
„Ich…“, begann sie zögerlich.
Keine Lügen, brannte es in ihrem Sinn.
„Die Geschichten auf den Wegen der Drachen folgen keinem Weg sondern dem Kreislauf.“ Sie sah ihn an und betete, dass ihm dies als Antwort genügen möge, so vage es auch war und so viel oder wenig es auch auf sie zutraf.
Eine Weile rührte sich nichts in seinem Gesicht. Doch wieder schien es, als würden seine Züge weich werden, je länger er in ihre Augen sah. Dann nickte er.
„Du magst es, in Rätseln zu sprechen, wie mir scheint. Aber gut.“

Eine Weile standen sie schweigend voreinander und jeder hing auf seine Weise seinen Gedanken hinterher. Dann spürte sie, wie sich seine Hände um ihre Taille legten, während sein Blick ruhig und tief in ihrem ruhte.
„Shadia..“
Lauriel schluckte.
Sie wusste, sie sollte gehen. Sie sollte fliehen, so lange es noch möglich war, denn was hier geschah, sollte nicht sein. „Ja..?“
Er lächelte und sie spürte ihr Herz schlagen, hart und unmissverständlich schlug es wieder und wieder von innen gegen ihren Brustkorb.
Sie sah dieses tiefe Meer in seinen Augen und wollte einfach darin eintauchen, vergessen wer oder was sie war.
Wie gerne hätte sie in diesem Augenblick alles eingetauscht, ihre unsterbliche Seele, ihre Fähigkeiten, die Verantwortung, die auf ihr lag - alles hätte sie hergegeben für einen einzigen Augenblick, in dem sie einfach ein Mensch sein konnte.
Ihre Gedanken streiften rote Schwingen, die Hitze des Feuers, die Leidenschaft und Liebe, die sie bei ihrem Drachen fühlte. Doch sie spürte auch die vielen Jahre der Dunkelheit, in der er sie nicht mehr aufgesucht hatte, in der er in keinem Traum mehr zu ihr gesprochen und ihr kein Zeichen mehr gesendet hatte. Sie fühlte die Kälte der Nächte, in denen sie vor ihrem Zelt saß und in den Himmel starrte, hoffend, dass selbst ein Drache irgendwann bemerken würde, wie viel Zeit bereits vergangen war.
Dann sah sie das Gesicht des Jägers ganz nah vor ihrem.
Eine seiner Hände hatte sich von ihrer Taille gelöst und unter dem Schleier in ihr Haar gewühlt, so dass sie nicht zurückweichen konnte und seine Lippen näherten sich ihren, langsam und doch ohne Zögern.
Dann als sie seinen Atem schon auf ihrer Haut spüren konnte, hielt er inne und eine Furche bildete sich zwischen seinen Brauen.
„Warum weinst du?“
Lauriel blinzelte. Erst jetzt spürte sie, dass ihre Wangen tränennass waren und rasch schluckte sie.
„Ich..“
Ihre Lippen bebten bei dem Versuch, eine Lüge hervorzubringen, wozu sie nicht imstande war.
„Ich.. weiß nicht, was hier gerade geschieht..“, flüsterte sie schließlich tonlos und der Wahrheit entsprechend.
Sein Griff lockerte sich und sie nutzte den Moment, um sich ihm zu entziehen und einige Schritte am Ufer entlang zu gehen, den Blick in den unendlichen Himmel gewandt.
„Was geschieht denn hier nur?“, flüsterte sie erneut, diesmal so leise, dass er es nicht hören konnte.
Rasch wischte sie mit dem Ärmel des Kleides über ihre Wangen. Sie wollte nicht weinen. In dem Moment spürte sie seine Hand schwer und ruhig auf ihrer Schulter.
Langsam drehte er sie zu sich herum und lächelte warm.
„Es ist alles gut. Wir haben Zeit.“
Lauriel hätte am liebsten laut gelacht und geweint zu gleichen Teilen, doch ihre Züge blieben unbewegt.
„Sieh her..“, er nestelte an seiner Tasche herum und zog etwas heraus.
„Ich möchte dir etwas schenken.“
In seiner Hand lag eine kleine Blüte mit grünen Blättern, die im Licht des aufgehenden Morgens einen seltsam violetten Schimmer zu haben schienen. In der Mitte glitzerte es wie gefrorene Tautropfen.
„Luishja“, fuhr er leise fort und nahm ihre Hand, um die Blüte hinein zu legen.
„Luishja, so nennt man die Blume der Seelen. Es gibt sie nur an wenigen Orten im Sturmwald, die geheim und verborgen sind. Man darf sie nur einmal in zehn Jahren pflücken, wenn der Mond in einer bestimmten Phase seines Zyklus ist und die Sterne die richtige Konstellation haben – nur so vertrocknet sie nicht.“
Lauriel blickte auf die kleine Blüte in ihrer Hand und lauschte seinen Worten. Hatte sie von dieser Blume schon einmal gehört? Sie war sich nicht sicher und es fiel ihr schwer, ihre Gedanken zu fokussieren, denn etwas in ihr fühlte sich seltsam an.
„Man sagt“, sprach er weiter „dass diese Blumen, wenn sie von zwei Menschen berührt werden, die etwas verbindet – etwas wie Freundschaft oder.. Liebe..“ ,er räusperte sich „nun.. man .. man sagt, dass diese Blüte eine Verbindung zwischen den beiden Seelen erschafft, die für alle Zeiten bleibt, dass sie ihre Wurzeln in die Seele desjenigen hinein wachsen lässt, der das Geschenk empfängt, so dass er niemals vergessen wird, dass da irgendwo auf der Welt noch jemand ist, der ihm nahe steht.“ Lauriels Blick weitete sich, während er sprach, als sie spürte, wie etwas ihre Lungen zusammendrückte.
„Man sagt auch, dass, selbst wenn die Blume verloren geht, sie bei demjenigen, der sie als Geschenk erhielt, wieder wachsen wird. Ist das nicht, eine schöne Geschichte?“ Lauriel keuchte.
Ein tiefes Brennen zog sich durch sie hindurch. Es fühlte sich an, als würde sie etwas vom Anfang bis zum Ende der Zeit reißen und sie in dem unendlichen Strudel fliegen lassen, wie ein Blatt im Herbstwind.
Er hatte es nicht wissen können. Ihre Seele war nicht wie die eines Menschen – sie war unsterblich. Zitternd sank sie auf die Knie und Alkanas Augen weiteten sich erschrocken, als er sah, wie die Frau vor ihm um jeden Atemzug zu kämpfen schien.
„Was…?“
Lauriel versuchte einfach nur zu atmen, doch jeder Atemzug war wie flüssiges Feuer. Es fühlte sich an, als würde jemand mit scharfen Klauen ihr Seelenlied zerreißen und neu zusammensetzen. Stück für Stück gruben sich die Wurzeln der Blume, die so unscheinbar ausgesehen hatte, in die Tiefe ihrer Existenz und sie hätte geschrien, wenn sie den Atem dafür gehabt hätte.
„Sahdia, was ist denn los? Was passiert denn hier? Das ist nicht richtig. So etwas ist noch nie passiert!“
Seine Stimme klang gequält und verzweifelt.
Lauriels Hand tastete nach Halt und griff ins Leere, so dass mit dem Gesicht auf den sandigen Boden fiel. In dem Moment allerdings spürte sie, wie sie hochgehoben wurde.
„Verzeih mir, das wollte ich nicht.“
Seine Stimme klang traurig und verwirrt und langsam trug er sie zurück zu dem Stein, wo sie geschlafen hatte, als er sie fand.
Dort angekommen ließ er sie auf den Boden sinken und legte seinen Mantel ab, um ihn unter ihren Kopf zu legen. Dann zog er sie in seine Arme und blickte auf ihr von Schweiß bedecktes Gesicht.
„Atme bitte weiter..“
Er klang wie ein kleiner Junge, und sein Blick lag erschrocken auf ihr.
„Bitte..“
Lauriel versuchte es.
Tief in seinem Arm geborgen konzentrierte sie sich nur auf ihren Atem und darauf, dass er nicht aussetzen möge. Sie erinnerte sich an ihren Vater, der sie vor so unendlich langer Zeit wieder und wieder über ihre Grenzen hinaus getrieben hatte.
„So lange du Schmerz fühlst, lebst du, also mach weiter!, Sei Rot!“
Und sie atmete, ein und aus, über Stunden, tief in seinen Armen, bis irgendwann der Schmerz abebbte und sie, trotz der längst hell und brennend am Himmel stehenden Sonne zu frieren begann. Näher noch zog er sie an sich, obgleich es für ihn unerträglich warm sein musste.
„Alles wird gut, Shadia.“
Sie öffnete blinzelnd die Augen und versuchte seine Züge zu erkennen.
Wie im Fieber flatterte ein Lächeln über ihr Gesicht und die Worte, die ihren Mund verließen, waren undeutlich.
„Wawindaji chini ya nyota“ ‚Jäger unter den Sternen‘.
Ohne es zu wissen, hatte er sich seine eigene Unsterblichkeit erschlichen, indem er zugelassen hatte, dass ein Teil seines Seelenliedes in das ihre geflochten wurde und gleich, was die Zukunft bringen mochte, dieses Band würde sich nicht wieder lösen lassen.

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