9 - Im Spiegel des Zorns

Kapitel 9 – Buße wider Willen

Sie hatte lange dort gestanden, ihm nachgesehen und versucht zu begreifen, was hier geschehen war.
All der Glanz und das glitzernde Meer beinahe schon kindlicher Vorfreude, das diese Nacht für sie geborgen hatte, waren zu Staub zerfallen und verweht.
Was war hier wirklich geschehen? Warum war der Sultan zornig genug, um an diesem besonderen Tag die Nashagar durch die Straßen Al’Bajaars zu schicken?
Ihre Augen wurden schmaler und ein leichter, roter Schimmer schien sich tief darin zu spiegeln.
Sie wusste nicht, auf wen ihre Wut in diesem Moment größer war – auf jene, die Alkanas diese Verletzung, die er haben musste, zugefügt hatten oder auf ihn, der der Meinung war, es wäre sinnvoll, dies vor ihr zu verheimlichen?
Was hatte er denn vor? Blutend alleine in der Wüste wartend, dass sie käme? Oder war es der Moment des Abschieds gewesen und er war auf dem Weg in seine Heimat?
Sie schüttelte den Kopf. Wusste sie auch nicht, was für eine Verletzung man ihm zugefügt hatte, so hatte sie doch deutlich gespürt, wie sehr er davon geschwächt wurde. Er würde nicht einmal den halben Weg durch die Wüste überstehen.
Ihre Brauen zogen sich zusammen und sie sah einen der Nashagar an sich vorbeilaufen, den sie hart am Arm packte, so dass er stehen blieb.
Tiefschwarze Augen funkelten sie an und kaum einen Wimpernschlag später hatte sie die Klinge eines Krummsäbels an ihrem Hals, was ihre Wut nicht milderte.
Wenig eingeschüchtert starrte sie den Mann an, von dem sie wusste, dass er darin ausgebildet war, schnell und Zögern zu töten.
„Du wirst deine Waffe augenblicklich senken und dann bringst du mich zum Palast.“
Ihre Worte duldeten nicht die Spur eines Widerspruchs und in den Augen des Mannes glomm etwas auf. Er musterte ihre Züge, als kämen sie ihm bekannt vor. Leicht neigte er den Kopf zur Seite. Die Nashagar konnten nicht sprechen, das wusste sie, doch wusste sie auch, dass diese kleine Geste bedeutete, dass er ihren Namen wissen wollte. Sie atmete einmal tief ein und aus eh sie erwiderte:
„Der, dem dein Leben gehört, gab mir den Namen Shadia.“
Augenblicklich war die Klinge von ihrem Hals verschwunden und ohne eine weitere Frage zu stellen, ging er voraus und sie folgte ihm zum Palast.

Als sie die riesigen Hallen betraten, die behängt waren von aufwändigen Bildern, Stickereien, Gold und Edelsteinen, seufzte sie leise.
Dies war tatsächlich der letzte Ort, den sie heute hatte besuchen wollen.
Ein Mann kam zu ihr und bot ihr Wasser, welches mit Wein gemischt war und sie nahm einige Schlucke davon – es galt als ausgesprochen unhöflich, am Hofe des Sultans auszuschlagen, was man angeboten bekam.
Dann wartete sie eine Weile, bis sich am Ende der riesigen Eingangshalle, die von zahllosen hohen Säulen getragen wurde, eine Tür öffnete und eine Frau herausschritt, gehüllt in Gold, Seide und Geschmeide.
Sie war komplett verschleiert und ihre dunklen, von kleinen Falten umrahmten Augen sprachen von einem langen Leben, das sie bereits geführt hatte, erfüllt von Strenge und Härte, aber auch von Weisheit.
Ruhig, elegant und ohne einen Anflug von Eile kam sie auf sie zu und fragte schließlich: „Ist dies ein Besuch der Freundschaft oder ein Besuch des Landes Fallacon?“ Lauriel sah sie an und überlegte.
„Es gab hier, wie mir scheint, einen Zwischenfall in der Stadt. Ich vermute, dass Streiter meines Drachen damit zu tun haben und darum kam ich her, um dies herauszufinden und mich in aller Form zu entschuldigen, falls dem so sein sollte – denn es ist vollkommen unangemessen, damit das Hochzeitsfest eurer Enkelin zu stören.“ Sie atmete tief durch.
Es war leicht zu erahnen, WER Grund hatte, Alkanas etwas antun zu wollen und sie war sich vollkommen im Klaren darüber, dass der Sultan toben würde über eine derartige Respektlosigkeit am Hochzeitstag seiner Tochter.
Eine offen ausgesprochene Entschuldigung war der sicherste Weg, an alle Informationen zu gelangen, die sie haben wollte und Schlimmeres zu verhindern.
Die Frau in den goldenen Gewändern musterte sie eine Weile und bat sie dann wortlos, ihr zu folgen. Sie schritten durch lange Gänge und Räume, Hallen und Korridore, einer schöner und aufwändiger geschmückt als der nächste.
Schließlich gelangten sie in einen Raum, in dem zwei Männer aufgebahrt lagen.
„Es geschah nicht allzu weit von hier.“
Die Mutter des Sultans musterte sie mit strengem Blick.
„Es ist absolut inakzeptabel, dass Blut an einem Tag wie diesem vergossen wird – in unserem Glauben ist dies ein schlechtes Omen für die Bindung, die an jenem Tag besiegelt werden soll.“ Ihre Stimme klang hart und streng, gewohnt, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen.
Lauriel trat zu den beiden Männern und betrachtete sie, ohne sich irgendetwas anmerken zu lassen. Dann schob sie bei beiden den Ärmel ihrer Gewänder hinauf und entblößte damit die Innenseite ihrer Handgelenke.
Dunkle Linien waren mit Tinte in die Haut gestochen und zeigten zwei gekreuzte Klingen in einem Flammenkreis.
Sie seufztet leise.
„Es sind Streiter der Arkanta – eine Art Geheimbund, der sich in Fallacon vor langer Zeit formierte, um …“ sie zögerte kurz, nach den richtigen Worten suchend „.. um ihre eigene Weltanschauung zu vertreten und gezielt Anschläge auf einzelne Personen auszuführen, wenn sie es für nötig halten. Sie scheren sich nicht um Bräche und Traditionen und sie haben auch sonst nicht viel Gefühl für Anstand“
Ihr Blick brannte noch mehr, als er es zuvor bereits getan hatte.
Die Arkanta waren ihr schon mehr als einmal mit ihrer Starrsinnigkeit in die Quere gekommen und hatten Strategien, die sie erarbeitet hatte, einfach über den Haufen geworfen, weil sie ihr eigenes Ziel über das der anderen stellten.
Nichtsdestotrotz waren es Rote.
Lauriel schloss kurz die Augen, berührte die Stirn der beiden und sprach einen Roten Segen aus, der ihr nur zäh über die Lippen kam.
Tausende von Gedanken schwirrten durch ihren Kopf und dennoch musste sie hier und jetzt klar denken.
„Führt mich zum Sultan und ich werde der Etikette folgend meine Entschuldigung aussprechen als amtshöchste Vertreterin des Roten in dieser Stadt.“ Ihre Zähne mahlten aufeinander.
Ihr Zorn verlangte Blut und Kampf, stattdessen musste sie hier den Namen Fallacons reinwaschen, was so ziemlich das Letzte war, was sie in dieser Nacht gedacht hatte zu tun.

Die Mutter des Sultans nickte und ging erneut voraus während Lauriel ihr mit düsterem Blick folgte.
Jeder Raum, den sie nun betraten war noch prunkvoller als der davor und als sie schließlich im Innersten des Palastes den Thronsaal erreichten, hatte Lauriel das Gefühl, sie müsse die Augen verschließen vor all dem Schimmer und Glitzer an den Wänden, auf dem Boden und an der Decke. Auf einem hohen Thron in der Mitte des Raumes, saß der Sultan, gekleidet in Gold und Seide. Neben ihm saß sein ältester Sohn und Thronfolger und ihm zu Füßen seine drei noch nicht verheirateten Töchter, alle verschleiert.
Die anderen Söhne, die dem Sultan geboren wurden, durften den Thronsaal niemals betreten, damit sie gar nicht erst Zeuge des Glanzes und der Macht wurden, die sie, als Zweit- und Drittgeborene niemals haben würden, insofern dem Erstgeborenen nichts zustieß. Für sie gab es einen eigenen Teil im Palast, wo sie, versteckt von der Außenwelt, aufwuchsen. Ein goldener Käfig, der die Erbfolge sicherte, für den Fall, dass Krankheit oder Schicksal, das Leben des eigentlichen Thronfolgers verwirkten. „Shadia..“
Der Sultan kannte sie gut. Vor einigen Jahren hatte sie seinen Erstgeborenen aus einem Fieber gerettet, bei dem keiner der Weisen dieses Landes mehr einen Rat wusste. Seither ließ er nach ihr schicken, wenn eines seiner Kinder erkrankt war, da er ihr vertraute. Aus diesem Grunde stand er ihr wohlgesonnen gegenüber, was lange nicht bedeutete, dass er alles akzeptierte, was Fallacon in diesem Land treiben mochte, auch nicht, nachdem sie erst kürzlich auf sein Bitten nach Osarien gekommen war und all das, was sie mehr denn je zu einem Blatt im Wind des Schicksals machte, seinen Lauf nahm.
Seine Stimme klang zornig, dunkel und andersartig durch die Art, wie er das r rollte und die einzelnen
Silben betonte.
„.. wie kann Fallacon es wagen, Blut zu vergießen an diesem heiligen Tag? Euer Krieg ist nicht unser
Krieg, Shadia, also macht ihn auch nicht dazu, ansonsten wird dies Konsequenzen tragen.“
Lauriel war sich im Klaren darüber, dass die Handlung der Arkanta mehr als nur unüberlegt gewesen war. Sie konnten damit einen zwei-Fronten-Krieg auslösen, doch stellten sie ihre Ziele weit genug über alles andere, dass diese Konsequenzen nicht beachtet wurden und noch weniger fielen Bräuche und Traditionen jener Länder, die sie zu ihrem persönlichen Kriegsschauplatz machten, ins Gewicht. Wie viele fruchtlose Diskussionen sie bereits mit ihrem Oberhaupt geführt hatte – sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. In diesem Moment schwor sie sich jedoch, dass die nächste Debatte mit einer Klinge in seiner Kehle enden würde, wenn er nicht einsehen konnte, wie vollkommen unvernünftig das Verhalten seiner Männer hier gewesen war.

Sie knirschte kurz mit den Zähnen und ließ sich schließlich auf die Knie nieder und berührte mit der Stirn den Boden vor den Stufen hinauf zum Thron des Sultans.
Sie wusste, dass es keinen Weg gab, außer einer formellen Entschuldigung – nicht am Hochzeitstag seiner Tochter, und so verharrte sie in dieser Position, brennend vor Zorn und Wut.
„Das Land Fallacon entschuldigt sich für die unaussprechlichen Unannehmlichkeiten, die es dem Dritten Königshaus zu Osarien bereitet hat. Das Land Fallacon sieht seinen Fehler und wird eine angemessene Gabe zum Tragen der entstandenen Schäden übergeben sowie eine angemessene
Gabe als Brautgeschenk für die Tochter des Sultans.“
Sie verharrte und wartete – innerlich Gift und Galle spuckend und zahlreiche Todesarten für den Kopf der Arkanta ersinnend.
Sie musste warten – warten, bis der Sultan etwas sagte. Mit der Zeit, die er wartete, wog er die Schwere des Vergehens ab, das sich in seinen Augen zugetragen hatte und so ließ er sie warten – wie lange – sie wusste es nicht.
Ihr Sinn wanderte in die Wüste.
Wo war er? Lebte er überhaupt noch?
Sie wollte zu ihm und seine Wunden versorgen, ehe er daran sterben konnte. Tiefe Sorge mischte sich mit Wut. Warum musste er sich auch derartig kleiden?
Ja, es war die Kleidung, die zu ihm gehörte, die zu ihm passte und sie hatte ihn gerne so gesehen.. aber war ihm denn nicht klar gewesen, dass er unglaublich auffallen musste? Hatte er den Krieg so weit verdrängt, dass er sich derartig zur Zielscheibe in einer Stadt wie dieser machte?
Sie hätte sich niemals nach Al’Bajaar zurückgewagt mit ihm, wenn nicht dieses Fest gewesen wäre, an dem die Straßen so voller Menschen waren, dass man in der Masse untertauchen konnte. Sie wusste, dass es ein unglaubliches Vergehen war, an diesem Tage Blut zu vergießen und wenn sie sich nur ein bisschen angepasst hätten, wäre dies eine Nacht voller Träume und Schönheit geworden.
Stattdessen hatte sie mit ihrem Plan, ihn hierher zu bringen, den Kriegern der Arkanta nicht nur die Chance gegeben, ihn zu töten, sondern damit auch noch einen weiteren Krieg heraufzubeschwören. Sie seufzte leise und wagte doch nicht, sich zu bewegen. So lange, wie sie bereits wartete, bestätigte sich für sie, dass ein Krieg unvermeidlich geworden wäre und einen weiteren Gegner konnte sich Fallacon im Augenblick nicht erlauben.
Es waren Rote Streiter gewesen, wenn auch die, der unangenehmsten und uneinsichtigsten Sorte – dennoch…
Ihre Sinne berührten Fallacon – jenes raue und spröde Land im Nordwesten der Welt. Es war ihre Heimat, die sie liebte und nie hatte es einen Grund gegeben, an ihrer Loyalität zu zweifeln.
Trotzdem hatte sie all das hier unvorbereitet getroffen.
In den vergangenen Tagen war etwas passiert, das sie sich niemals hätte vorstellen können. Sie war nicht die Heerführerin gewesen, nicht die Rote Harfe, nicht die Legendenweberin und nicht die Gefährtin des Roten – keiner dieser Titel hatte Bedeutung gehabt. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben war sie einfach nur Frau gewesen, ohne Titel, ohne Zwänge, ohne Verantwortung. Sie schloss die Augen und versuchte zu verstehen, was dies mit ihr machte, was es in ihrem Herzen berührte und in ihrem Verstand, als die Stimme des Sultans sie plötzlich erlöste.
„Es sei dem Lande Fallacon verziehen und es sei angemerkt, dass wir diese Entschuldigung nur
annehmen, da sie von der Gefährtin des Roten selbst ausgesprochen wurde.“ Ein Nadelstich traf sie glühend mitten ins Herz.
Langsam erhob sie sich und nickte dem Sultan zu.
„Das Land Fallacon ist voller Dank für diese Entscheidung. Ich werde alles Nötige veranlassen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab und verließ, von zwei Dienern gefolgt, den Thronsaal. „Ich brauche einen Raben und etwas zu schreiben.“

Nachdem sie einen Brief aufgesetzt hatte mit Anweisungen, welche Summen in welcher Form und mit welchen Beigaben aus Fallacon nach Osarien gebracht werden sollten und diesen mit dem Raben in Richtung ihrer Heimat geschickt hatte, hastete sie eilig zum Südtor hinaus, wo sie ihre Stute angebunden hatte.
Es durfte keine weiteren Verzögerungen geben.
Hastig schwang sie sich in den Sattel und trieb ihr Pferd an, schnell und schneller durch den Wüstensand in Richtung Westen.
In ihr brannte Sorge gemischt mit Wut. Was, wenn er nicht bei den Höhlen war? Was.. wenn er tot war?
Sie kannte die Klingen der Arkanta. Sie waren nicht vergiftet – aber sie waren verflucht. Ihre Wunden waren schmerzlich und hörten nicht auf zu bluten. So konnten sie sicher sein, dass selbst ein fliehendes Opfer den Tod fand.

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