Kapitel 2 - Verloren

Die folgenden zwei Stunden verbrachten wir damit, durch die Gänge des Krankenhauses zu laufen und Sarah, die sich mir im Laufschritt vorauseilend, über die Schulter hinweg vorstellte,  zeigte mir, wo die Umkleiden waren, wo es frische Wäsche gab, die Radiologie, Die Apotheke, das Labor, die Kantine, die Intensivstation, die Notaufnahme und in welchen Räumen ich darüber hinaus Verbandsmaterial, Probenröhrchen, Infusionsbesteck und alles andere fand, was ich brauchen würde, um hier die Arbeit zu machen, die man scheinbar von mir erwartete.

Nachdem Sarah ihre Führung durch das Krankenhaus abgeschlossen hatte, sah sie erschrocken auf die Uhr und trieb mich zur Eile an. Noch im Laufen knotete ich die einfache Stoffhose zu und schlüpfte in den Kittel, den ich mir aus dem entsprechenden Regal gezogen hatte. Ich war mir sicher, dass ich den Raum, in dem ich meine Tasche und meine Kleidung in einem Spint abgeschlossen hatte, niemals wiederfinden würde, doch darüber konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich hinter Sarah her, hastete mit ihr von Zimmer zu Zimmer um Blut abzunehmen und sah zu, wie sie stillschweigend Namen und Zahlen von einer zerknitterten Liste strich, wenn wir ein Zimmer geschafft hatten.

Kaum dass wir die Tasche mit dem Blut in das dafür vorgesehene Fach gelegt hatten, schubste mich Sarah auch schon weiter. Verbände mussten gewechselt werden und sie zerrte alle möglichen Materialien aus Regalen im Lager um sie in ihre Kitteltaschen zu stopfen oder auf meinen ausgestreckten Armen zu stapeln. So begann die nächste Runde durch die Zimmer und wir hakten die Namen der nächsten Liste ab.
Dankbar dachte ich an die Zeit meiner bisherigen Ausbildung zurück und daran, wie ich lernte, so etwas wie einen Vacuum-Verband zu wechseln, denn heute, mitten in diesem unerwarteten Chaos, wäre keine Zeit gewesen, es mir zu erklären.

Als wir mit allem fertig waren, ließen wir uns auf die alten Schreibtischstühle im Arztzimmer fallen und sahen uns einen Moment lang schweigend an.

„Wo sind eigentlich die Ärzte?“, unterbrach ich die Stille schließlich.

„Die sind schon längst im OP. Der Chef setzt die OPs hier sehr früh an, manche beginnen schon um vier in der Früh.“
Sarah fuhr sich durch die Haare und rieb sich anschließend die Augen.

„Und die machen das einfach so mit?“

Sarah lachte.
„Naja – so weit ich es mitbekommen habe, werden die Ärzte hier recht gut bezahlt, was ich mir bis heute nicht wirklich erklären kann und der Chef macht hier auch ehrlicherweise spannende OPs, das wirst du selber zu sehen kriegen.“

Ich schüttelte energisch den Kopf.
„Nee, ich bin fertig mit der Chirurgie – damit habe ich abgeschlossen.“

Sarah lachte erneut.
„Lia glaub mir – du wirst das tun, was der Chef will, egal ob drüben oder hier und das ganz einfach nur, weil du dich nicht mit ihm anlegen willst. Das war bei allen vor dir so und das wird bei allen nach dir so sein.“

Ich zog die Brauen zusammen. Auch wenn ich den Chefarzt der beiden Abteilungen noch nicht kennen gelernt hatte, war er mir doch schon derartig unsympathisch, dass ein Teil von mir sich am liebsten ins Auto gesetzt hätte, um nach Hause zu fahren.
„Wie sind denn die anderen so?“

Sarah kaute eine Weile auf ihrer Lippe herum.
„Also hier in der Abteilung sind drei Oberärzte. Ganz oben und direkt unterm Chef ist die Nellan. Sie ist wie eine Stabheuschrecke, die regelmäßig Bücher verspeist. Sie weiß wirklich viel, tut so, als wäre sie total nett, aber wehe, du funktionierst mal nicht wie gewünscht, dann kann sie richtig giftig werden und verkauft dir das dann noch als nette Geste. Dann ist da der Biegert – der ist eigentlich nie da und wenn er mal da ist, versucht er witzig zu sein, ohne zu merken, dass keiner über seine Scherze lacht. Der dritte ist der Priege, der findet sich extrem gut und er hasst die Nellan, weil er gerne ihre Position hätte. Die beiden streiten sich eigentlich ständig und machen sich gegenseitig schlecht.“
„Das scheinen alles keine rumänischen Namen zu sein?“, unterbrach ich sie.
„Ja – der Chef holt sich viele seiner Mitarbeiter aus dem Ausland, nicht wenige davon aus Deutschland, keine Ahnung, warum – du kannst ihn ja mal fragen“, sie grinste breit. „Das Gute ist aber, dass du wenig Probleme mit der Sprache haben wirst. Die Assistenzärzte hier wechseln übrigens recht häufig, habe ich gehört. In der Zeit, in der ich jetzt hier war, gab es zwei Wechsel und das soll wohl immer wieder so sein. Scheinbar kündigen die meisten unerwartet und verabschieden sich nicht mal und dann kommt schon wieder jemand neues. Du wirst es ja sehen. Naja.. ehrlicherweise wundert es mich auch nicht.“

Ich nickte langsam und versuchte mir ein Bild von diesem Team zu machen, was mir aber nicht so recht gelingen wollte und schließlich entschied ich mich, dass es mir nicht so wichtig sein sollte, da ich ja eigentlich in der Stiftung arbeiten wollte und nicht hier.
Ich hob also die Schultern und nickte nur.
„Zeigst du mir noch, wo ich die Laborwerte finde und die Konsile?“
Sarah nickte und kam auf meine Seite des Schreibtischs.
Viel zu schnell ging sie mit mir alle wichtigen Funktionen des Systems durch und was ich wo finden konnte. Danach zeigte sie mir noch die Kurven und wie sie hier geführt wurden. Zum Schluss zog sie mich dann am Ärmel mit ins Schwesternzimmer, wo sie mich kurz dem übrigen Team vorstellte.

Kurz darauf standen wir an der Eingangstür zur Station und sie hatte sich den Kittel über die Schulter geworfen.
„So meine Liebe, das war es dann für mich. Viel Glück, denn das wirst du brauchen“ und mit diesen Worten wandte sie sich ab, um zur Treppe zu gehen.
„Halt warte mal,“ rief ich und sie blieb stehen.
„Was denn noch?“
Ich schluckte und hob etwas hilflos die Hände.
„An wen kann ich mich denn wenden, wenn etwas ist? Ich .. kenne keinen von den Ärzten und ..“, ich schluckte wieder und kurz schien so etwas wie Mitgefühl über Sarahs Züge zu huschen. Rasch jedoch hatte sie dieses Gefühl offensichtlich abgeschüttelt, denn sie machte eine abwertende Handbewegung und lachte.
„Ach komm, das haben andere vor dir geschafft, du schaffst das auch. Alle wichtigen Nummern sind im Telefon einprogrammiert und du kannst zur Not die Pflege fragen, ok?“

Ich sah sie an und nickte langsam.
„Danke“; murmelte ich.
Da öffnete sich plötzlich die Glastür zum Treppenhaus und ein Mann im weißen Kittel mit schwarzen, wellig zurückgegelten Haaren hastete, gefolgt von zwei Polizisten, in Richtung der gegenüberliegenden Station.
„Oh-oh“, kommentierte Sarah und sah der kleinen Gruppe hinterher.
„Was ist denn?“
„Ich weiß nicht, aber es hieß im Flurfunk, dass in den letzten Wochen drei Menschen verschwunden sind, die kurz vorher hier behandelt wurden. Ich dachte, das wäre nur das übliche Geschwätz abergläubischer Trottel, aber jetzt ist die Polizei hier.“
Sie sah noch eine Weile auf die mittlerweile wieder geschlossene Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges, dann hob sie die Schultern.
„Naja – ich werde es nicht erfahren und ehrlicherweise ist es mir auch egal. Das war übrigens der Priege – Dr. Priege natürlich und wenn er dich hübsch genug findet, darfst du ihn vielleicht demnächst Mike nennen. Viel Glück!“
Sarah war schon fast durch die Tür zum Treppenhaus, da sah sie noch einmal über die Schulter zurück.
„An deiner Stelle würde ich jetzt so schnell wie möglich rüberfahren. Der Chef wird dich sehen wollen und er hasst es, zu warten. Kleiner Tipp – halt dich mit allem zurück. Er hasst es nämlich auch, wenn jemand eine eigene Meinung hat, oder wenn jemand redet .. oder atmet. Und jetzt – mach’s gut Lia.“

Und mit diesen Worten war sie fort und die Treppe hinunter.
Ich hastete zurück in das Arztzimmer und sah aus dem Fenster, wartete, bis Sarah über den Parkplatz gehetzt war um in einem kleinen, blauen Auto zu verschwinden und wegzufahren.

Ich war allein.

Panisch sah ich plötzlich auf meine Uhr und erinnerte mich an ihre Ermahnung, dass ich zurück in die Stiftung fahren musste.

Ich rannte in Richtung des Treppenhauses und prallte fast gegen einen der beiden Polizisten, denen wir eben begegnet waren. Dieser bedachte mich mit ein paar nicht sehr freundlich klingenden rumänischen Worten und schüttelte verständnislos den Kopf, während ich, entschuldigend lächelnd, an ihm vorbei manövrierte und die Treppe hinuntereilte.
Das letzte, worauf ich jetzt Lust hatte, war ein Gespräch mit der Polizei.

In meiner Eile verlor ich jedoch schnell die Orientierung und fand mich irgendwann in einem Kellergang wieder, der von unangenehmem Neonlicht ausgeleuchtet war, das hin und wieder flackerte.
Ich sah mich um und versuchte mich daran zu erinnern, in welcher Richtung der Umkleideraum mit den Spinden gewesen war und in dem ich meine Sachen zurückgelassen hatte.

In unregelmäßigen Abständen fanden sich im Mauerwerk schwere Metalltüren, von denen keine beschriftet war.
Ich drückte die erste Klinke herunter und suchte einen Lichtschalter. Nachdem die Neonröhre widerwillig ihren Dienst tat, sah ich aufgetürmte Kartons mit Papierstapeln darin und in Bündeln zusammengebundene Akten.
Rasch schloss ich die Tür wieder und ging den Gang weiter hinunter.
Als ich die nächste Tür öffnete, blickte ich in einen Raum, der von oben bis unten mit Technik vollgestopft war. Überall piepte und blinkte es und das Neonlicht schien kaltweiß auf zahllose Apparaturen, die auf langen Tischreihen aufgebaut waren.
Der Raum erinnerte mich an die Forschungs-Labore in der Universität, doch noch ehe ich wirklich realisieren konnte, was in diesem Raum geschah, baute sich eine hochgewachsene, schmale Frau im weißen Kittel vor mir auf, deren Gesichtszüge streng und verhärmt wirkten und deren braunes Haar achtlos in einen Zopf gewunden war.
Sie musterte mich kurz von oben bis unten, dann blaffte sie mich an:
„Wer sind sie? Sie haben hier nichts zu suchen!“
Ich war kurz verwundert, dass sie mich auf Deutsch ansprach und machte automatisch einen Schritt zurück.
„Entschuldigung... ich habe heute hier angefangen... und...  ich suche die Umkleide“, stammelte ich.
Umgehend veränderten sich ihre Gesichtszüge und wurden etwas freundlicher während sie mich gleichzeitig vor die Tür drängte.
„Ah, ich verstehe. Dann sind sie vermutlich Frau Norish – die neue Kollegin aus Deutschland?“
Ich glotzte verwirrt.
„Ich bin Dr. Nellan. Wir lernen uns sicher noch besser kennen und wenn sie sich für Forschung interessieren, kann ich sicherlich auch einmal eine Führung durch die Labore organisieren, aber wir haben hier recht strenge Regeln und die müssen wir natürlich erst einmal befolgen, ja?“

Die Art, in der sie die Worte säuselte und mich auf eine Art und Weise vertrauensvoll ansah, die ich ihr einfach nicht abkaufte, ließen mir ein unangenehmes Kribbeln im Nacken aufsteigen.

„Ja… natürlich, ich wusste ja nicht...“
„Das ist gar kein Problem. Kommen sie einfach mit, ich zeige ihnen die Umkleide.“

Hastig eilte sie los und ich folgte ihr schweigend durch die Flure, während sie weitersprach.

„Sie sind ja quasi eine tägliche Leihgabe der Stiftung. Das ist sehr freundlich vom Professor, dass er diese Regelung getroffen hat und sie werden davon profitieren. Statt einem Fachgebiet, lernen sie gleich zwei kennen und haben die Möglichkeit, viel für ihre Zukunft zu mitzunehmen. Interessieren sie sich für Chirurgie?“
Ich stolperte fast über meine eigenen Füße bei dieser Frage.
Wehmütig erinnerte ich mich an die Stunden, die ich bereits im OP verbracht hatte, wo ich mich auf Grund meines Studentenjobs, bei dem ich vor allem für Blutentnahmen und nächtliche Assistenz gebraucht wurde, mit allem bereits vertraut fühlte.
Ich erinnerte mich aber auch an meine letzte OP, in der ich in zweiter Assistenz mit am Tisch gestanden hatte, direkt neben dem Mann, mit dem ich die ganze Nacht darüber gestritten hatte, dass er mir fremd gegangen war. Es war die längste OP meines Lebens gewesen und ich wäre am liebsten davongelaufen. Weil das aber nicht möglich war, hatte ich mir Minute für Minute geschworen, dass ich nie wieder in einem OP stehen wollte.

„Ich ehm... interessiere mich eher für Psy..“
„Ahh – da sind wir ja,“ unterbrach sie meinen Versuch, sie anzulügen und blieb vor einer Tür stehen, die genauso aussah, wie alle anderen Türen hier unten.
Sie drückte die Tür auf und schaltete das Licht an, so dass man die Reihen von Spinden sehen konnte, die in diesem Raum aufgebaut waren.
„Die Zahlenschlösser hat ihnen ja vermutlich jemand gezeigt. Das Wäschelager ist zwei Türen weiter links.“
Sie deutete auf das Ende des Ganges. „Da vorne geht es zum Treppenhaus, wo sie wieder ins Foyer kommen. Da gehen sie auf die gegenüberliegende Seite, da ist das zweite Treppenhaus und so kommen sie wieder auf die Station.“
Sie lächelte mich milde an.
„Ich weiß, das ist am Anfang hier etwas verwirrend, aber sie gewöhnen sich dran.“
Ein kurzer Blick auf ihre Uhr ließ eine Falte tief zwischen ihren Augenbrauen entstehen.
„Leider habe ich keine Zeit, ihnen noch mehr zu zeigen. Viel Erfolg und herzlich willkommen. Wir sehen uns ja sicherlich bald wieder.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand mit dem typischen Gang jener Leute, die wussten, dass viele Menschen zu ihnen aufsahen.

 

Ich schloss die Augen und ließ mich gegen die Spinde sinken. Was um alles in der Welt tat ich hier?

Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, als würde meine Haut prickeln und in meinen Ohren rauschte es. Alles fühlte sich unwirklich an. Ich ließ mich auf den ziegelroten Kachelboden sinken und schlang die Arme um meine Knie.
Die Entfernung zu meinem zu Hause und jedem Menschen, den ich kannte, drückte wie ein Stein auf meine Brust und alles um mich herum wirkte unwirklich und falsch.
Atmen.
Ich schloss die Augen und erinnerte mich an die vielen Male, in denen mein Therapeut genau das mit mir geübt hatte.
Konzentriert auf die Bewegungen meines Zwerchfells, ließ ich die Luft in meine Lungen ein- und wieder ausströmen und als das prickelnde Gefühl auf der Haut langsam nachließ, verharrte ich noch eine Weile so, konzentriert auf jeden Atemzug.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Realität um mich herum wieder zu mir gehörte und rappelte mich auf, klopfte mir den Staub von der Jeans und fuhr innerlich zusammen, als ich mein Handy herauszog und auf die Uhr sah.
Schnell suchte ich nach dem Spind, den Sarah mir zugewiesen hatte und schnappte meine Tasche. Es war keine Zeit mehr, um mich umzuziehen und so hastete ich in der Klinikkleidung zu meinem Auto und fuhr zurück zur Stiftung.
Es standen mittlerweile mehrere Fahrzeuge auf dem Parkplatz und als ich dieses Mal klingelte, wurde die Tür schon beim ersten Versuch geöffnet.

„Mensch Mädchen, wo warst du denn so lange?“

„Ich ehm… musste noch eingewiesen wer…“

Er unterbrach mich mit einer wegwischenden Handbewegung.

„Interessiert jetzt niemanden. Der Chef wartet und das ist nicht gut. Also schnell jetzt.“

Diesmal legte er mir seine Hand auf die Schulter und schob mich vor sich her durch die große Eingangshalle, die mit dickem Teppich ausgelegt war und wo eine große, gewundene Treppe in den nächsten Stock führte. An den Wänden hingen alte Gemälde mit Bildern von Menschen und Landschaften und eigentlich sah nichts so aus, wie man es von einem Krankenhaus erwartete.
Ich ließ mich die Treppe hinauf schieben und weiter auf die linke Seite der Halle. Von dort aus führte ein langer Gang um mehrere Ecken und mündete, nach diversen verschlossenen Türen, an denen wir vorbeikamen, in eine große, hölzerne Flügeltür.
Dahinter wand sich eine lange Treppe einen der Türme hinauf, die ich von außen gesehen hatte.

„Hättest dich ruhig umziehen können. Der Chef mag es gar nicht, wenn man hier in den Sachen von drüben aufkreuzt. Ich zeig dir später, wo du hier was findest.“

„Aber ich…“, wollte ich protestieren, doch Ted unterbrach mich erneut.

„Hilft jetzt sowieso nicht, Mädchen. Klären wir alles später.“

Mit diesen Worten bugsierte er mich in einen Vorraum, in dem auf jeder Seite zwei alte, lederbezogene Sessel standen und je ein kleiner, kunstvoll geschnitzter Tisch mit Zeitungen darauf.
An der nächsten Tür fand sich ein goldenes, graviertes Schild „Prof. Dr. V. M. Cetulescu“.

Ted bedeutete mir, stehen zu bleiben und zu warten. Leise klopfte er an die Tür und betrat auf ein dumpfes „Herein“ ohne mich den Raum.
Bei halb offener Tür hörte ich ihn sagen:
„Die neue PJ-lerin aus Deutschland ist hier, möchten sie sie sehen?

Die Antwort kam ruhig und schneidend zugleich:
„Sehen wollte ich sie vor einer halben Stunde. Aber ja, schicken sie sie rein.“

Ted kam wieder raus und fuhr sich mit der Hand schief grinsend durch sein kurzes, aschblondes Haar.

„Na dann viel Erfolg, Mädchen, ich warte unten auf dich und zeig dir dann nachher dein Zimmer.“

Mit diesen Worten verschwand er.

Für einen kurzen Moment wollte ich anfangen, laut zu schreien, als mir bewusstwurde, dass ich erneut in einem völlig fremden Gebäude allein gelassen wurde und man erwartete, dass ich mich zurechtfinden würde. Doch von der halb geöffneten Tür zum Büro des Chefarztes ging eine seltsame Mischung aus Angst und Faszination aus und ich fühlte, wie sich über meinen ganzen Körper hinweg Gänsehaut ausbreitete.
Ich atmete tief durch und trat durch die Tür.

An den Wänden des Turmzimmers kletterten hohe Regale hinauf, in denen zahllose Bücher standen, von denen einige sehr alt wirkten. Zwischen den Regalen gab es sehr schmale Fensterschachte durch dicke Mauern, so dass kaum Licht durch sie einfallen konnte. Stattdessen tauchte ein Kronleuchter, der von der hohen Decke hing, den Raum in sanftes, beinahe dämmriges Licht. Auch hier fanden sich zwei der schweren Ledersessel, direkt vor einem riesigen Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem beinahe alles antik wirkte mit Ausnahme des Laptops, an dem der Professor offensichtlich gerade gearbeitet hatte.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, doch sicher etwas anderes, als ich nun sah.
Vor mir saß jener Mann, mit dem ich am frühen Morgen auf dem dunklen Parkplatz zusammengestoßen war.
Er hatte die Hände vor sich auf dem Schreibtisch gefaltet und sah mich an. Im Licht des eher schwach beleuchteten Raumes wirkten seine Augen dunkler als heute Morgen. Er wirkte selbst sitzend sehr groß und die Schatten, die das Licht auf sein Gesicht malte, ließen seine Züge noch etwas härter wirken.
Ich runzelte die Stirn, weil ich einen älteren Mann mit grauem Haar erwartet hatte, doch mein Gegenüber sah deutlich jünger aus, schwer einschätzbar.

„Die junge Dame vom Parkplatz also.“

Der Satz zerschnitt die Luft im Raum und ließ mich schlucken.

„Guten Morgen, Herr Professor. Mein Name ist…“

„Ich kenne ihren Namen. Caecilia Norish. Sie haben mich warten lassen.“

„Das tut mir sehr leid. Ich hatte Schwierigkeiten, mich zurechtzufinden und…“, stammelte ich und wurde erneut unterbrochen.

„Schon gut, das ist nicht weiter wichtig.“
Er löste die Hände voneinander und blätterte eine Akte durch, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

„Nun – sie haben in Deutschland studiert und all ihre Praktika waren bisher chirurgisch angelegt. Wie kam es zu dem offenkundigen Sinneswandel?“

Er sah mir in die Augen und ich hatte das Gefühl, dass er in der Lage sein musste, jeden noch so kleinen Versuch einer Lüge bereits im Ansatz zu erkennen.
All meine gut durchdachten Antworten, die ich für eine solche Frage vorbereitet hatte, lösten sich auf und verloren ihren Sinn.

„Nun es… gab… private Probleme. Ich musste mich umorientieren.“

Professor Cretulescu hob eine Augenbraue und seine geschwungenen Lippen wurden zu einem schmalen Strich.

„Die Psychiatrie ist ein sehr weitgefächertes Fachgebiet, häufig unterschätzt, Frau Norish. Warum denken sie, dass sie gerade in diesem Bereich ihre Orientierung wiederfinden?“

Ich schluckte erneut.

Was sollte ich denn antworten? Sollte ich ihm sagen, dass mir Psychiatrie in den Sinn kam, weil Steve Psychiatrie hasste und es somit gefühlt am weitesten von ihm weg war? Sollte ich ihm erzählen, dass ich als Teenager selbst einmal in einer psychiatrischen Klinik und viele Jahre danach noch in einer ambulanten Therapie war und deswegen keine Berührungsängste zu diesem Gebiet hatte? Nichts davon erschien mir sinnvoll. Ich rang nach Worten.

„Ich glaube… dass man im Gebiet der Psychiatrie… nicht nur Krankheiten behandeln, sondern Leben verändern kann.“

„Zum Guten wie zum Schlechten“, antwortete er, die blauen Augen unverändert tief in meinen Blick gebohrt, „doch das beantwortet meine Frage nicht?“

Ich senkte den Blick und starrte auf den dicken, roten Teppich auf dem ich stand, atmete einige Male ein und wieder aus und angelte verzweifelt in meinen Gedanken nach einer sinnvollen Antwort.
Als ich schließlich wieder aufsah, traf mich sein Blick unverändert schonungslos und für einen Moment glaubte ich zu wissen, wie es sein musste, mitten im eiskalten Meer zu ertrinken. Ich glaubte für eine Sekunde, nicht mehr atmen zu können, doch dann biss ich mir auf die Lippen und versuchte wütend, dieses Gefühl abzuschütteln. Als ich antwortete, klang meine Stimme hingegen eher brüchig:

„Ich glaube, dass ich gut mit Menschen arbeiten kann, Herr Professor. Ich finde einen schnellen Zugang zu ihnen.“

Dies entsprach der Wahrheit und war in meinen chirurgischen Praktika eher eine Eigenschaft gewesen, die mir im Weg gestanden hatte und von anderen belächelt wurde.
Das Gesicht des Professors wirkte glatt und undurchdringlich, während sein Blick mich weiter gefangen hielt. Dann schloss er die Akte wieder und faltete die Hände darüber.

„Nun gut. Überraschen sie mich.“

Er nahm einen Zettel aus einem kleinen Behälter aus schwarzem Marmor und griff nach einem Füllfederhalter, der neben der Akte auf seinem Schreibtisch lag, um damit ein paar Worte niederzuschreiben. Dann hielt er mir den Zettel hin.

„Dies sind drei Patienten. Morgen in der Visite werden sie sie mir vorstellen und mir ihre Meinung dazu kundtun, wie sie die weitere Behandlung planen würden.“

Mein Blick wanderte von seinem Gesicht zu seiner Hand mit dem Zettel und wieder zurück.
In diesem Moment huschte ein Lächeln über seine Lippen, das mir mehr Angst einjagte, als ich je zuvor im Laufe meines Studiums gegenüber einem Menschen empfunden hatte.

Rasch nahm ich den Zettel, wobei ich kurz seine kühle Hand berührte und beinahe zurückgeschreckt wäre.

„Selbstverständlich.“

„Lassen sie sich die notwendigen Akten von Ted aushändigen und sehen sie zu, dass nichts davon verloren geht. Guten Tag, Caecilia.“

Mit diesen Worten wandte er sich wieder seinem Laptop zu, als wäre ich gar nicht mehr im Raum.
Warum nannte er mich, so wie Ted, nun beim Vornamen? Und wie stellte er sich vor, dass ich diese Aufgabe lösen sollte? Ich hatte gerade erst mit der Psychiatrie begonnen und fachlich gesehen nicht sehr viel Hintergrundwissen.
Ich fühlte erneut das Gefühl des Prickelns auf meiner Haut, wie vorhin in der Umkleide und eilig wandte ich mich wieder seiner Tür zu.

„Vielen Dank und einen schönen Tag noch“, murmelte ich, dann schloss ich die schwere Tür hinter mir und hastete einige der Stufen hinunter.

Schließlich blieb ich stehen, ließ mich auf die Treppe sinken und presste meine Handballen gegen die Stirn.
Wie sollte das bloß alles funktionieren?
Wütend wischte ich mir die aufsteigenden Tränen aus den Augen und kaute auf meiner Unterlippe. Ich hätte alles für eine Zigarette gegeben in diesem Moment.

„Na komm Mädchen, das wird schon“, hörte ich eine mittlerweile bekannte Stimme von irgendwo unter mir.

Ted sah die Wendeltreppe hinauf und grinste schief.

„So geht es den meisten am Anfang. Jetzt atme durch und komm. Ich zeig dir dein Zimmer und dann kommst du erstmal an. Ich hab dir ein Frühstück in die Küche bringen lassen, aber gewöhn dich da nicht dran. Normalerweise kümmert ihr euch selbst drum.“

Ich war so dankbar, dass er doch auf mich gewartet hatte, dass ich ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
Nach einem tiefen Atemzug stand ich auf und lief ihm entgegen.

 

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