7 - Im Spiegel des Zorns

Kapitel 7 - Ahnungen


Lauriels Herz setzte einen Schlag aus, nur um Sekunden später so schnell und stark gegen ihre Brust zu hämmern, dass man ihren Puls an den Adern ihres Halses sehen konnte.
Reflexartig legten sich ihre Hände gegen seine Brust, um ihn fortzudrücken, doch jeder Widerstand war nur Sandkorn in einem Sturm.
So hob sie schließlich ihre Hände in seinen Nacken und ließ ihre Finger tief in sein Haar tauchen, während sie den Kuss erwiderte, erst zögerlich, dann leidenschaftlich.
Tief in ihr hingegen tobte ein Sturm. Ein Riss zog sich tief durch ihre Seele und während die eine Hälfte von ihr in Flammen aufging, erstarrte die andere Hälfte zu Eis.
Sie wollte sich wehren, sich wegdrehen und fortlaufen, so weit fort, dass er ihr nicht mehr folgen und sie nicht mehr finden konnte, so weit, dass die Gefühle in ihr verblassten, als hätte es sie nie gegeben.
Doch sie blieb.
Der Widerstand in ihr, so zornig er auch war, hatte keine Macht über das, was ihr Herz gerade wollte.
Alkanas hatte sie fest in seinen Arm gezogen und jeder Muskel seines Körpers war angespannt. Kurz, nur einen winzigen Augenblick lang, löste er seine Lippen von ihren, um, ganz nah bei ihr, ihr Gesicht zu betrachten und kaum hatte er das Bild wirklich wahrgenommen, küsste er sie erneut. Einige Schritte hinter ihr stand eine Gruppe Palmen und mit wenigen Schritten waren sie dort und er drückte sie gegen einen der rauen Stämme.
Lauriel spürte seinen Atem, die Wildheit in jeder seiner Bewegungen, als seine Lippen begannen, ihren Hals hinabzuwandern und seine Hände über die Perlen-bestickte Seide ihres Kleides tasteten, um einen Verschluss zu finden.
Sie schloss die Augen, atmete tief durch und flüsterte schließlich: „Bitte..“
Alkanas hingegen hielt nicht einen Augenblick lang in seiner Bewegung inne, ob er ihr Flüstern nun gehört hatte oder nicht.
Lauriel kämpfte mit sich, einen Kampf, den sie so oder so nur verlieren konnte. „Tafadhali.. tafadhali usifanye..“ Eine Weile geschah nichts.
Sie regten sich beide nicht und so schnell ihrer beider Atem gerade eben noch ging, so schien es in diesem Moment doch eher so, als würde sogar die Zeit selbst ins Stocken geraten.
Langsam, ganz langsam ließ er die weiße Seide aus seinen Fingern gleiten und richtete sich wieder auf, um sie anzusehen.
In ihrem Blick brannte es nicht weniger als in seinem und doch schien er etwas darin zu finden, was ihn akzeptieren ließ, was sie wünschte.
„Du..“, er schluckte und rang offensichtlich nach Worten.
„Alkanas, bitte – ich..“
Er hob die Hand und schüttelte den Kopf.
„Du treibst mich in den Wahnsinn.“
Mit diesen Worten ließ er sie los, wandte sich ab und während er auf das nahe Wasser zuging, streifte er wortlos seine Kleidung vom Körper.
Lauriel starrte ihn an und sah zu, wie er, ohne zu zögern, im kühlen Wasser des Sees verschwand, untertauchte, einige Züge schwamm und sich ihr schließlich wieder zuwandte. „Was denn? Badet man da, wo du herkommst nicht? Komm schon.“ Sie verharrte am Ufer und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.
Ihr Körper war nicht weniger in Aufruhr als ihr Innerstes. In ihrem Herzen brannte ein Gefühlschaos, das sie noch nie gefühlt hatte und er schien mit einer völlig unbeschwerten Leichtigkeit durch das Wasser des Sees zu schwimmen, als gäbe es das unendlich erscheinende Mühlrad des Schicksals nicht, welches hier, an diesem so unwirklichen Ort, auf ihnen lastete und sie zu ersticken drohte. „Jetzt komm ins Wasser, du wirst sehen, dass das gut tut.“
In seinen Zügen spiegelte sich etwas Jungenhaftes, Unverfälschtes und lebensfrohes, was sie mit unendlicher Wärme erfüllte.
Kurz sah sie an sich hinab und runzelte die Stirn, als ihr bewusst wurde, wie lange es her war, dass sie tatsächlich in einem See gebadet hatte.
Seit sie die Gefährtin des Roten Drachens wurde, hatte sich vieles in ihrem Leben geändert. Wo sie früher mit ihren Kampfgefährten in den See sprang, gab es heute für sie immer eine Möglichkeit, unbeobachtet zu baden, selbst im Heerlager.
Sie schmunzelte kurz, doch das Schmunzeln erlosch, als ihre Gedanken in die Heimat wanderten. Sie sah vor sich die Zeltstadt des Heerlagers, die Gefährten und Freunde, sie hörte das Lachen und die vertrauten Lieder.
Dort – nur dort war ihre Heimat, obgleich sie in Osarien geboren wurde.
Schmerzlich erinnerte sie sich an jenen Abend, als sie dem Roten Drachen das erste Mal begegnet war, ohne zu wissen, dass ER es war.
Er hatte ihr gegenüber am Lagerfeuer gesessen in der Gestalt eines Menschen, das Gesicht von der Kapuze seines Mantels bedeckt und so hatte er ihr einfach nur zugehört, wie sie ihre Lieder sang. Sie hatte vom ersten Moment an gespürt, dass etwas zwischen ihnen beiden war, was sie verband, jedoch hatte sie es sich nicht erklären können.
In den darauf folgenden Tagen, hatte er oft des Abends am Lagerfeuer gesessen und ihrem Gesang gelauscht und je näher er bei ihr saß, desto mehr hatte sie durch das Flackern des Feuers von dem Gesicht unter der Kapuze erahnen können.
Er hatte gelächelt, sie angesehen und in seinen Augen sah sie etwas Uraltes – Feuer und Sturm, Wärme und Kraft.
Ihr Lied war verklungen und wortlos hatten sie sich einfach nur angesehen.
Nach diesem Abend war er nicht mehr aufgetaucht und in ihr war bereits die Vermutung aufgekommen, dass er ihr aus dem Weg gehen wollte – doch einige Tage später wurde sie in einem unübersichtlichen Gefecht schwer verletzt und plötzlich war er bei ihr gewesen, hatte sie aufgehoben und zu ihrem Zelt gebracht.
Die leise Ahnung, das Gefühl, Drachenschwingen zu hören und einer Macht zu begegnen, die älter als die Welt erschien, hatte sich in dieser Nacht bewahrheitet, als er sich ihr zum ersten Mal zu erkennen gegeben hatte.
„Du sollst die Gefährtin an meiner Seite sein, das Lied in meinem Herzen und die Beschützerin meines Volkes – jetzt und für alle Zeiten.“
Seine Stimme hatte sich in ihr Herz gebrannt und in jener Nacht hatte sich alles für sie geändert.
„Shadia – hast du Angst vor Wasser?“
Das tiefe, ehrliche Lachen von Alkanas riss sie aus ihren Gedanken und sie schluckte.
Dann entledigte sie sich der zahlreichen Schichten bestickter Seide, bis sie nur noch ein kurzes, dünnes Unterkleid trug und beschloss, nach einigem Zögern, dieses anzubehalten.
Im Wasser angekommen, versuchte sie, immer etwas Abstand zwischen sich und ihm zu halten, während er genau das Gegenteil im Sinn zu haben schien.
So wurde aus dem Versuch, zu baden, eine wilde Jagd durch die tiefen des Sees in der Oase in Osarien und ihr Lachen hallte weit in die sandigen Hügel.
Die Sonne brannte längst vom Himmel, als sie Stunden später am Ufer lagen und sich schweigend ansahen. Alkanas hatte sich rasch wieder angekleidet, während Lauriel es sichtlich genoss, nicht in zahllose Schichten Seide eingewickelt zu sein. Er schmunzelte und schüttelte leicht den Kopf.
„Wovor hast du nur solche Angst?“
Lauriel antwortete ihm nicht. Sie sah ihn einfach nur an und ließ seine Stimme über sich hinweg streichen.
Eine Weile schien er noch auf eine Antwort zu warten, dann erhob er sich.
„Warte hier..“
Sie sah ihm nach, sah, wie er zu den Pferden ging, um in seinen Taschen etwas zu suchen und ein Lächeln spielte um ihre Lippen, während in ihren Augen die Dunkelheit der Sorge lag.
Als er zurückkehrte, war der Ausdruck in seinem Gesicht liebevoll und das jungenhafte war einer Mischung aus Ernst und tiefen Gefühlen gewichen.
„Hier..“, sagte er und legte sich wieder neben sie. In seiner Hand hielt er eine kleine Holzfigur, die einen Wolf mit buschigem Fell darstellte.
„Das habe ich auf der Reise nach Osarien geschnitzt – und jetzt gehört es dir.“
Es war ein Sturmwolf. Jeder, der einmal in seinem Leben einem Sturmwolf gegenüber gestanden hatte, hätte diese Figur sofort erkannt. Sie waren riesig, wild und kraftvoll und sie waren tödliche Gegner im Kampf.
„Er ist wunderschön..“
Sie sah zu ihm und hob ihre Hand um die Linien seines Gesichtes nachzuziehen.
„Er ist wie du..“
Er rutschte näher an sie heran und strich ihr die Haare aus der Stirn.
„Woher willst du das wissen? Du kennst den Sturmwald doch gar nicht, jangwa maua. Und nur dort wirst du sie finden.“
Er küsste ihre Stirn und Lauriel ließ es geschehen.
Trotz der Hitze der Wüstensonne, fühlten sich seine Nähe und die damit verbundene Wärme vertraut an und strahlte nichts anderes als Geborgenheit aus.
Was immer sie hier zusammen geführt hatte, musst eine Bedeutung haben, auch wenn sie nicht in der Lage war, diese zu erkennen.
Für Augenblicke schloss sie die Augen und ließ sich in dem Gefühl treiben, das sie erfüllte und tauchte in den Strudel aus Ahnungen und Bildern, der sie immer dann umgab, wenn sie es zuließ. So sehr sie jedoch suchte, so wenig wollte sich ihr erschließen, wie all das hier geschehen konnte und welchem Ziel es dienen mochte.
Etwas anderes wurde ihr allerdings bewusst, tauchte wie eine Warnung aus den Tiefen ihrer Seele hervor und obgleich es etwas war, was sie sich über alle Maßen wünschte, so war das Bild doch von Schmerz und von Trauer erfüllt.
Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme dünn und brüchig.
„Der Tag wird kommen, an dem wir gemeinsam durch den Sturmwald gehen werden. Ich weiß nicht wann, Alkanas, ich weiß auch nicht wie, aber der Tag wird kommen, das verspreche ich dir.“ Er sah auf sie hinab und in seinen Augen blitzte eine Freude auf, von der sie wusste, dass sie niemals die Erfüllung finden würde, die sie ihm versprach.
„Ich kann warten, Shadia, umso mehr, da ich jetzt weiß, dass das, war uns hier verbindet, nicht enden wird, wenn ich diesen Ort verlassen muss.“
Ein Falke stieß seinen Ruf aus, während er seine Kreise über der Oase zog und für einen Moment stellten sich Alkanas Nackenhaare auf.
War es einer der Jagdfalken aus dem Sturmwald? Riefen sie bereits nach ihm?
Er sah zum Himmel hinauf und sie folgte seinem Blick.
Erst als der Vogel weiterflog, entspannte er sich wieder und sie sah tief Augen. „Du hast Sorge, dass man nach dir ruft?“ Sacht strich er über ihr Haar und nickte.
„Ja, Shadia. Mich erwarten Pflichten und ein ganzes Heer, das ich in einen Krieg führen muss, den ich so niemals wollte. Aber er ist da und ich bin es meinem Volk und meinem Drachen schuldig, diesen Krieg für uns zu entscheiden und das verfluchte Pack des Roten Drachen ein für alle Mal in seine Schranken zu weisen.“
Lauriel schluckte bei seinen Worten und wandte den Blick ab, was er in diesem Moment aber nicht bemerkte, da er viel zu tief in seinen Gedanken über den Krieg gefangen war.
„Du hast keine Vorstellungen davon, zu was sie fähig sind, Shadia. Sie haben Nekromantie angewandt, was gegen alles Leben und gegen den Kreislauf spricht und der Rote Drache hat die Legendenweber, die allen Drachen zur Treue verpflichtet sind, auf seine Seite ziehen lassen. Auf diese Weise verfügen sie über Mächte, die du dir gar nicht vorstellen kannst.“ Er schnaubte, während seine Stimme immer hitziger wurde.
„Aber wir haben auch Waffen – besonders eine. Denn der Grüne schickte uns Dargass und die Fangweis – das wird das Ende aller Legendenweber sein in diesem Krieg und nichts anderes haben sie verdient.“
Sein Blick wandte sich ihr wieder zu, als er aus seinen Gedanken zurückkehrte und traf auf tiefes Entsetzen und Schmerz in ihrem Blick, als sie ihn anstarrte, als habe er gerade ausgeholt und sie mitten ins Gesicht geschlagen.
Sofort wurde seine Stimme wieder ruhig und sanft und er strich liebevoll über ihre Wange. „Verzeih, ich wollte dich nicht mit Geschichten über den Krieg ängstigen. Sei froh, dass du damit nichts zu tun hast, Shadia. Sei froh, dass du deine Musik und deine Geschichten hast und nichts über die Grausamkeit dieser Dinge weißt. Und jetzt lass uns die dunklen Gedanken vertreiben.“
Doch Lauriel fühlte, wie etwas ihr die Kehle zuschnürte.
Mit wenigen Worten hatte er sie in die Wirklichkeit zurückgestoßen. Er war ihr Feind – und sie war seine Feindin. Die Waffe an seiner Seite – Dargass – ein Mann, dessen Grausamkeit ihre Träume heimsuchte und dessen Erwähnung ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte, all das zerriss den Schleier des Traums, den sie hier lebten, solange man sie ließ.
„Shadia..“, raunte er leise und tief „was muss ich tun, um die Gedanken fortzujagen?“ Sie sah ihn an und hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschleudert, dass nichts diese Gedanken verjagen konnte.
Doch in dem Moment küsste er sie und mit der Berührung seiner Lippen war jegliche Vernunft verflogen.
Als er sie wieder zu Atem kommen ließ, lächelte sie leicht ehe sie leise zu ihm sagte: „Morgen möchte ich mit dir nach Al’Bajaar gehen.“ Alkanas runzelte die Stirn.
„Was willst du in der Stadt?“
„Es wird dort ein Fest gefeiert und glaub mir – wenn der Sultan feiert, dann lohnt es sich, dort zu sein.“
Sie sah in die hellen Augen, die sie halb fragend, halb unwillig betrachteten. Sie sah ihm an, dass er gerne einfach mit ihr allein gewesen wäre, dass er ihr den Wunsch aber auch nicht abschlagen wollte.
Wieder lächelte sie.
„Vertrau mir. So etwas hast du noch nicht erlebt.“ Er hob schließlich die Schultern und lachte.
„Wenn es dich glücklich macht, können wir gerne nach Al’Bajaar reisen, aber..“ Seine Stimme brach ab und ein Schatten huschte über sein Gesicht.
„Aber was?“, fragte sie, plötzlich ernst geworden.
Er schüttelte den Kopf und suchte offenbar nach den richtigen Worten.
„Wir.. kehren anschließend.. wieder hierher zurück?“
Lauriel sah ihn an und Wärme breitete sich in ihrem Herzen aus, als sie verstand, dass er Sorge hatte, dass sie mit dem Besuch in der Stadt den Abschied herbeiführen würde.
Tief sah sie ihm in die Augen und nickte.
„Wir kehren hierher zurück. Der Tag des Abschieds wird kommen, mein Sturmwolf, aber der morgige Tag wird es nicht sein.“
Er schmunzelte, als sie ihn so nannte und sie grinste leicht. Dann war sie mit einem Satz auf den Füßen, so dass er das Gleichgewicht verlor und nach hinten kippte. „Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich habe Hunger, großer Jäger.“ Er lachte laut und tief.
„Ich bin sicher, dagegen lässt sich etwas machen.“

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